Bei den Himbeeren hinter den Sonnenblumen gab es kein Trübsal. Niemand weiß wen man dort wann und wie gesehen hat und dann wiederum wissen es alle. Weil jeder, der dort vorbeiging wusste wer und weswegen kam – wir wollten es nur nicht wissen. Und wenn wir es nicht wussten, dann waren der Tod und die Sicherheit, die ihn brachte wie eine fehlgeleitete Flaschenpost, eine durchsichtige Käseglocke. Vielleicht gab es die Stadt in den Parks, aber bei uns hatten die Männer Familien. Deren Gesichter geistern noch immer im Dorfgedächnis. Ein goldfarbener Stein sagt: den Namen Klaus-Peter Müller, die Zahlen 1957 bis 1992.


 

Für das Etüden-Intermezzo. Bei einem Freund von mir im Dorf gibt es angelehnt an das bekanntere „Namen und Steine“-Projekt mitten auf dem Fußweg einen Erinnerungsstein für einen in den 1980er Jahren verstorbenen Hufschmied. Das hat es inspiriert.

Das „Namen und Steine“-Projekt war in den 90er Jahren ein Kunstprojekt von Tom Fecht in verschiedenen Städten, bei dem die Namen von Menschen, die an AIDS verstorben sind in Pflastersteine auf dem Boden eingelassen wurden. Bekannte und nicht bekannte, Männer und Frauen, unabhängig vom Infektionsgrund. Soweit ich weiß haben von den bekannten Menschen unter anderem der Philosoph Michel Foucault, der Fotograf Herbert Tobias, die Sängerin Ofra Haza und die Sänger Klaus Nomi und Freddie Mercury Steine.

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Als Kind hatte Eva-Maria alle ihre Stofftiere verbunden. Sie wusste nicht warum, aber diese Verbände bedeuteten, dass wenigstens etwas wie sie war, denn sie war unfähig und konnte nie etwas. Verletzte konnten auch nichts, Tante Gitti hatte mit ihrem gebrochenen Bein sogar einen Rollstuhl verliehen bekommen. Und Eva-Maria sollte nichts können, gleichzeitig aber alles perfekt. Wenn sie auf den Widerspruch aufmerksam machte, kamen der Satz „Ach, du…“ eine abwinkende Hand und ein Schokokeks. Prinzenrolle kann sie deshalb bis heute nicht ausstehen. Sie wusste es damals nicht, war zu jung um es bewusst zu verstehen, aber ihre Eltern sonnten sich im Trübsal, Eva-Maria als Synonym für den Fehler überhaupt und so früh Kinder bekommen zu haben. Als erwachsene Frau hatte Eva-Maria begonnen sich eine Visualisierung vorzustellen. In diesem Bild gab es eine Übersonne, eine überdimensionale Sonnenblume, die so riesig war, dass ihre Eltern sich darunter verstecken konnten – vor ihrer Verantwortung, Eva-Maria und sich selbst. Unter dieser Blume gab es eine Hand, die Eva-Maria fest umklammert hielt, während der Rest des Körpers (außer der Stimme) sie anschrie „Hau endlich ab!“ Ein Kind fühlt das, kann es aber nicht übersetzen, auch der Erwachsene bleibt für immer verstört. Wie eine Flaschenpost, die nie ankommt.


Für Christianes Etüdenintermezzo-Spiel.

An dem Tag, an dem aus mir eine Schachfigur wurde wusste ich nicht mehr was schwarz und was weiß war, das hatte mich längst vergessen. Es war auch nicht wie bei Samsa – simsalabim eines Narrators und ich wachte auf und fand mich als Käfer. Ich war einfach plötzlich Schachfigur und es machte mir so geschehen nichts aus. Ich hatte es ja lang genug kommen sehen. Hätten ich können. Sollen. Fahrradketten entbehren an sich jeder Logik, sie sind erstmal ein Ding, dem man einen Zweck anbringen muss. Aber dann sind sie Primeln in der Vase, ohne sie geht alles oder gar nichts. Es hat schon Grund warum schnelle Bewegung, das Fortkommen so viel Hoffnung macht. Grund und Wissen und wissen heißt Schwäche. Schwächeanfälle kann man sich aber zwischen schwarz und weiß nicht erlauben. Dividendenfett im Bier!

Eine Schlange aus Walnüssen. Bemalte Nussschalen an einer Schnur und in jeder geschlossenen Nussschale ein kleines Geschenk. Eines für jeden Tag, den er hier war.

Der Kleine.

Es zerstörte sie nicht, dass er nicht größer werden würde, und dass er irgendwann, sollte er tatsächlich erwachsen werden, wirklich der kleine Mann wäre.

Nadine betete nur, dass er nicht Maximilian hieß. Der Paul in dieser Familie war über zwei Meter groß.

„Gut“, hörte sie Pascal. „Welche, Jorit?“

Der Kleine zeigte auf eine in der Mitte. Jorit – was war das für ein Name?!

Konstantin öffnete die Nuss in den geschlossenen Händen und ließ den Kleinen das Bonbon herausnehmen und das Silberpapier aufdrehen.

Mochten nicht alle Kinder Schokolade?!

Die Farbe trocknet nicht schnell genug für Hilma. Silke hat ihr den Rücken bemalt und das Gefühl von Pinsel und Farbe auf Haut war vortrefflich, aber es ist sieben Uhr früh und Hilma wird langsam unruhig. Der Tag kennt keine Zeit für solche Späße, weil der Tag keine Zeit für Hilma kennt.

„Bleib!“ sagt Silke und macht eine Bewegung wie um sie aufzuhalten. „Das ist noch nicht.“ Dann legt sie Hilma das zusammengebundene Haar über die Schulter und steht auf. „Kaffee.“ Sie erwartet keine Antwort.

Silke bringt auch einen Strohhalm, damit Hilma sich nicht bewegen muss und während sie sie ziehen lässt fragt sich Hilma zum ersten Mal ob Silke Menschen bemalt wegen der Muttermale. Silkes ganzer Oberkörper ist voll und die meisten davon so dunkel wie die Warzenhöfe. Silke malt ohne Shirt, nur in Hose und Strümpfen.

„Noch was?“

„Nein.“

„Bleib!“

„Wie lange dauert denn das?“

„Es dauert wie es dauert.“ Der Satz klingt wie Willst du oder nicht? und der ist nicht von Silke.

„Draußen ist schon hell.“

„Das kümmert die Farbe nicht.“

„Mich aber.“

„Du musst mit der Farbe denken.“

Hilma schließt die Augen. Blau ist wie die Milchstraße.

Etwas, das wir alle an ihm hassten war, dass er versuchte uns seinen Kindheitstraum aufzudrücken.

Ständig faselte er davon, wir sollten malen oder fotografieren und wir sollten weder Paintball spielen, denn das sei martialistisch, noch super sagen, denn das Wort hätte keine Aussage, müssten wir nur mal nachspüren.

Sein verschissener Schuldkomplex, der wollte, dass wir so eine Art neue intellektuelle Elite werden sollten und uns zugleich aber vollständig von dem, was wir eigentlich waren assimilieren.

Er mochte keine Behinderten.

Wir sollten so tun als gäbe es uns nicht und als wäre all das, was für uns und unsere Entwicklung tatsächlich normal war in Wirklichkeit krank.

So wie sein verschissener Schuldkomplex.

Gegen den kein Mensch und kein Argument ankam.

Nie.

Bis eines Tages Kerstin aufstand, mitten in einem Satz von ihm. „Wissen Sie eigentlich, dass es schier unmöglich ist ohne Arme ein Stativ zu schleppen?“ fragte sie.


Für die Etüden. Der Lehrer hat ein reales Vorbild, ist aber fiktiv.

Ab da war es als ob ich wüsste wie enden würde. Dieser Moment als Jörn sagte, er sei nicht mehr er selbst. Und es war als ob ich nichts dagegen tun könnte, denn ich wusste es ja nicht eigentlich. Redete ich mir ein. In Wahrheit war es wie ein festgelegter Ablauf, in den sich von außen nicht eingreifen ließe. Ich habe mich verloren, ich habe mich vergessen. Es hat keinen Zweck darüber zu reden, denn das gibt nur große Worte. Vielleicht wollte ich stattdessen Zeit es akzeptieren zu können. Einsinken lassen, damit ich am Ende nur noch leicht wäre. Vielleicht wollte ich aber auch das Gegenteil. Federn gehen so leicht verschütt.

Als es kam wie es enden musste pfiff der Kessel auf einen Ton.

Nie war die Vernachlässigung so stark in Charlotte zutage getreten wie damals als sie beim Test die Silhouette der alten Frau nicht in der jungen erkannt hatte.

Sie hatte davor schon gespürt, dass die Gutachter mehr über sie wussten, als sie selbst preisgab, schon deshalb weil sie Smalltalk nur für dummes Schwadronieren hielt (ihre Eltern hatten pausenlos über belangloses Zeug gequatscht, wichtige Dinge durften nicht angesprochen und es durfte auch nicht geschwiegen werden). Charlotte sprach über Substantielles.

Das hatte noch nicht mal damit zu tun, dass sie in den ersten 18 Jahren weder Buddelkiste (dreckige Klamotten machen Arbeit und spielende Kinder sind peinlich, auch wenn alle anderen Eltern auch welche hatten) noch Tanzbein (so lange du deine Füße unter unseren Tisch stellst bist du um 19 Uhr zu Hause – grundsätzlich!) gekannt hatte, sie mochte einfach nur kein Geseier mehr.

Sie wollte sich nicht mehr für diese Eltern schämen müssen, diese Leute, die geglaubt hatten, ihre Verantwortung ende damit Kinder in die Welt gesetzt zu haben, ab da könne man Ansprüche stellen. Charlottes Eltern fragten nie wie es ihr oder ihren Schwestern ging und immer wenn eine von ihnen versuchte von sich zu sprechen, kam die Jüngste mit ihrem Laptop rein und zeigte der Mutter oder dem Vater irgendwelche Kindergartenfreunde auf Facebook, die auch prompt beschaut und besprochen wurden.

Patricia war einmal der Kragen geplatzt: „Ich bin fünfeinhalb Stunden gefahren, in drei Stunden geht mein Zug zurück, ich bin nicht gekommen, damit du mich ignorieren kannst, du wolltest mich sehen!“

Da hatte die Mutter gesagt „Wir finden dich hysterisch.“ – dasselbe wie zu Tanja als die gesagt hatte, sie käme nicht mehr, die Eltern und Jasmin wären doch eh nur mit sich beschäftigt und alle anderen wären immer schon egal gewesen.

Das hatten sie alle gefühlt, aber keine es gesagt, weil es so unwichtig, so „normal“ war – und eh nichts ändern würde.

Aber in dem Moment mit dem Test mit der Silhouette hatte Charlotte Gefühle gehabt, sie war stockwütend geworden.


Für die Etüden.

Far out, weit weg, ganz weit von diesen Menschen, die den Unterschied zwischen einer Buddelkiste und einer Kiste Buddeln nicht kannten. Das waren wir.

Unten auf dem Boden, mit den Rücken an der Mauer und der letzten Kollektivkippe. Früher hatte das Ding unauffällig „Tanzbein“ geheißen und nur die kleine Flagge hatte es verraten, und dass es diesen Ort nicht mehr gab hatten diejenigen zu verantworten, die von Toleranz schwadronieren, aber in Wahrheit nicht einmal die Toleranz tolerieren können. Tolerieren heißt ertragen und dass richtige, echte Menschen keine Hirngespinnste, die ihnen wieder nur Schablonen überstülpten akzeptieren wollten konnten sie nicht tolerieren. Ich wollte nicht wissen, welch seltsame Definition von „Toleranz“ die ihren Kindern mitgaben. Die, die sie zu tolerieren und sogar lieben vorgaben hatten sie vertrieben.

Andreas‘ Eltern hatten sich hier kennengelernt – weit bevor es solche Eltern offiziell überhaupt gab: Klare Absprachen, Vati und Peter, Mutti und Mirko (wie in Miriam Kornelia) und Mirkos Ex, die andere Andy – wo gibt es sowas nicht?!

Die Exotin bei uns war Ulrike, unser grüngetupftes Einhorn, weil sie nicht wie wir war und nur eine Mutter und nur einen Vater hatte, die dazu auch noch zusammen waren und das fanden die Toleranzschwadronierer ebenfalls wieder seltsam, sie war ja kein schwuler Uli als Herzeigeaccessoire für irgendein Hetenmädchen, sondern nur sie und eine unserer Freundinnen.

Ulrike drückte die Kippe an der Hauswand aus und sagte, dass es das dann wohl wäre, immerhin stand auf der Leuchtreklame über ihrem Kopf jetzt schon Reisebüro.


Für die Etüden.

Es ist dunkel, als Christina die Tür aufdrückt. Sie war schon lange nicht mehr hier, hat sich hier auch nie wohlgefühlt, hat nicht vermisst wie es riecht oder klingt und wird wahrscheinlich keinen Menschen außer Eli in dem ganzen Raum kennen. Eli, die auf den Zug aufgesprungen ist und jetzt Ella heißt, Ella, die die Bar macht.

Und übermäßig freundlich ist. „Du siehst aus wie… Ich habe dir immergesagt, die bringt es nicht.“

Dann stellt sie ihr etwas hin und Christina weiß gar nicht was sie da trinkt.

„Gegen die wirkt nur Asbach“, sagte Eli und trocknet routiniert Gläser ab.

Christina sieht in ihr Glas und kneift die Augen zu, die Flüssigkeit brennt. Woanders brennt es auch.

„Chrissi…“ Elis Stimme ist ungewöhnlich ruhig, auf so etwas weibisches lässt sie sich eigentlich nicht herab. „Mit Speck fängt man Mäuse und die hat angefangen zu ködern so bald du dich umgedreht hast.“

Christina hasst diesen überlegenen Blick in Elis Augen, sie kommt sich wie ein Kind vor.

Guck in den Spiegel, kann sie durch das Brennen nicht denken.