Also irgendwie, eigentlich ja nicht.

Nicht meckern also.

Wollte Sylvia nicht.

Aber selbst zu ihr, ohne Facebook und all diesen pseudo-sozialen Datenfresserkram, war durchgedrungen, dass die Leute nur noch am Stänkern und mit nichts mehr zufrieden waren.

Szene verwässert, früher alles besser, zu tolerant, zu wenig elitär bla bla…

Früher hatte man Vogelnest-Frisuren, fand die Dead-Cartoons aus dem Zillo gut, kommunizierte über Kleinanzeigenspalten und maulte weil kleine quietschbunte Teenies plötzlich geil waren auf Ville Vallo.

Im Nachhinein auch nicht so doll.

Radio Schwarzbrot war cool gewesen, aber die eine Hälfte des Macherteams war tot.

Wenn Sylvia an alles das dachte, dann fand sie erst einmal viel an ihrem eigenen Erlebten auszusetzen und zu mäkeln, da war es doch sinnlos sich über irgendeinen Auftritt irgendwelcher Leute, die den Karneval in Köln mit dem Treffen in Leipzig, bei dem Sylvia gar nicht gewesen war, verwechselt hatten zu mokieren.


Für die Etüden, fiktiv, aber ich als Realperson habe tatsächlich das WGT-Abgekotze mitbekommen, obwohl ich nie, in all den Jahren, die es das gibt, da war und das daher nicht beurteilen kann.

Noch nach siebzehn Jahren nannte Jürgen es einfach „den Auftritt“, dabei war es ein Outing gewesen und das Wort tat Juliane und Nguyen weh, weil es so sinnlos war, zumal außer Jürgen keiner verstand was daran so schlimm sein sollte, dass der Mann seiner Tochter zufällig Vietnamese war.

Verständlich für die Leute wäre noch gerade eben gewesen wenn Jürgen auf dem angeknacksten Elfenbeinturm protestiert hätte weil seine Tochter einen Mann liebte und nicht so wie er und Frederik war, aber es ging nicht darum, es ging darum, dass dieser Mann irgendwann aus Vietnam gekommen war.

Dass nicht er, sondern seine Eltern war Jürgen völlig egal.

„Vielleicht gibt er uns nur das, was er auch erfahren hat…“

„Dazu hat er kein Recht“, Julianes Fingernägel bohrten sich in das Lenkrad, „weißt du womit ich bis heute nicht klar komme?“

„Schon.“

„Dass man das eigentlich keinem erzählen kann“, sagte sie trotzdem, „es wird einfach nicht geglaubt. Schwule sind selber eine Minderheit und eine Minderheit ist für die Leute immun dagegen selbst Vorurteile zu haben, der kann uns also gar nicht ablehnen, wir stehen dann als Lügner da.“

Juliane und Nguyen hörten einander atmen.

„Irgendwann fällt auch der aus seinem Vogelnest.“

 


 

Für die Etüden.

Micha schämt sich weil auf der Kladde und der Pappordnungmappe aus ihrer Jugendzeit in Pastellfarben eine Szene mit einer Puppe und Teddybären abgebildet ist.

„Ich sollte ein ewiges kleines Mädchen bleiben, deshalb habe ich mich angepasst. Unbewusst“, sagt sie entschuldigend. „Ich hatte auch Diddl-Blöcke und so was. Das war damals in.“

Annalena versteht nicht was daran peinlich sein soll, sie findet das verspielte Motiv schön. Es hat doch jeder eine Jugend. Es ist doch jeder mal jung.

Micha schüttelt den Kopf. „Bei uns musste es aussehen wie ein riesiges Puppenhaus. Meine Mutter hatte allen möglichen Krusch und ich musste mitmachen. Vielleicht habe ich mir solche Sachen“ – sie hebt die Kladde und die Mappe an – „nur gekauft um sie und ihren Fimmel aus meinem Zimmer fernzuhalten. Manchmal kam ich von der Schule und sie hatte ihre Porzellanpüppchen in meinem Zimmer drapiert. Alles voll. Sie wollte, dass ich genauso wäre wie sie, nicht ich, sondern ein Teil von ihr.“

Annalena versteht nicht was daran falsch ist. Sie findet gut, dass ihre eigene Mutter und sie sich so gut verstehen, und dass die sie manchmal sogar fragt ob sie sich etwas von ihren Sachen ausleihen kann.

Sach ma, hatten die hier alle den Arsch auf?!

Kais neuer Sohn – den anderen kannte sie schon – hatte ihr eine CD geschenkt, Du packst es, Jutta von Badesalz und das alles nur um sich an ihr zu rächen, weil sie immer das d in seinem Namen vergaß.

„Demnächst nenn‘ ich dich einfach nur Höffgen“, hatte Jutta gesagt, aber Hendrik hatte die Anspielung auf diesen Lehrmeister so wenig kapiert wie sie Hendriks Anspielung mit Badesalz.

Vor der CD.

Obwohl sie sich hätte denken können, dass so etwas flundernplattes gar nichts anderes hätte sein können.

Und irgendwie hatte das sogar noch Humor, sie konnte diesen Rotzkopp nur einfach nicht leiden.

Henning, der andere, war höflich und nett, aber Klein-Hendrik mit seinen 188 Zentimetern auf 16 Lebensjahre war die übergroße Version eines nervtötenden Pausenclowns. Die hatte sie schon als Kind gehasst.


Von heute früh für die Etüden. Noch lustiger kann ich nicht.

Als Kinder, damals als die Straße noch nicht unser Lehrmeister geworden war, wir kannten sie höchstens aus Zucker, kannten wir das Flunderspiel.
Flunderplatte Papierstücke mussten durch auf den Tisch hauen auf Papierteller gebracht werden, wer das als erster geschafft hatte, hatte gewonnen.

Hunger kannten wir damals nicht.

Wir wussten auch nicht um so Luxusartikel wie Badesalz oder Avon-Stifte durch die sich in der Wanne das Wasser färbte. Wir kannten es, wir hatten es, aber es war selbstverständlich.

Einen Mangel kannten wir damals nicht.

Wir kannten kein Geld, die Sachen waren einfach alle immer verfügbar.

Wir kannten vor allem nicht, dass nicht alles unendlich ist und wir kannten nicht, dass man mit Geld zwar alles haben, aber eben auch nur so lange wie das Geld reicht behalten kann.

Wir kannten nicht, dass selbst Tafel-Berechtigungsscheine Kontingente haben.


Für die Etüden.

Wenn ich von Roswitha komme, glaube ich immer, dass ich ihr Krieg bin. Den Satz habe ich als ich noch ein kleines Kind war auf einer Schallplatte gehört. Auch die Worte „denke ich immer“ gehören in diese Zeit, selbst Ena sagt mir, ich habe ein Kinderdeutsch. Aber Ena sagt mich auch, dass sie mich dafür liebt, weil sie nicht mag wenn die Dinge schwer sind.


Sehr viel später – heute Nacht – und völlig unabhängig davon entstanden, aber mir fiel sofort auf, dass es die wahrscheinliche Beziehung von Frauen wie Swantje in dieser Geschichte von mir zu ihren Müttern gut und kurz beschreibt.

Drei Tage können eine Stunde sein und drei Monate eine Wunde. So hatten wir uns entfremdet. Du warst wieder du, wer auch immer du vorher auch gewesen warst, und ich war immer noch ich und für mich war es als ob wir noch immer Frühling hätten, aber der Sommer war längst durch. Er kroch in die letzten Tage und war zwischendrin kein einziges Mal stehen geblieben. Es sei denn, ich war an ihm vorbei gerannt. Das konnte ich mir nicht vorstellen, weil ich ihn die ganze Zeit nicht gesehen hatte.

Ich verstand nicht wovon du sprachst und es hatte auch nichts mit mir zu tun und du hast mich auch nicht verstanden. Für mich war es deshalb wie damals, weil ich mitten in diesem Moment begriff, dass du mich auch damals nicht verstanden hattest. Wir uns nicht.

Für dich war es etwas wie ein Spiel. Ich mache keine Spiele.

With nowhere left to go
The distance is growing further still

Ich summte nie wenn sie dabei war.

Genau wie ich nur kochte wenn ich allein war. Ich kochte und brodelte und konnte nicht explodieren. Nicht obwohl, sondern weil die Zeit der Sommerblüten schon lang und endgültig vorbei war. Ich wollte das nur nicht sehen und genau deshalb war Ninas Gegenwart wie ein Bunker. Hermetisch zu und mit bestimmten Verhaltensregeln, damit die Bombe nicht doch einschlug und uns doch alles um die Ohren flog.


 

Für die Etüden mit leichtem Pfusch beziehungsweise um die Ecke denken, denn die ersten zwei (englischen) Zeilen gehören zu einem Lied und damit nicht mir. Das Lied heißt „Bittersweet“ (Camouflage auf „Meanwhile“ von 1991, Text und Musik von Marcus Meyn und Heiko Maile) und das vorgegebene Wort war „bittersüß“.

Eine Stunde, zwei Stunden, drei Stunden, vier… bis es fast dunkel wurde.

Die Leute, besonders die Frauen und die Kinder waren nervös, manche weinten, beteten oder rannten zwischen den Fahrzeugen und Gerätschaften hin und her aber Ralf und Martina verstanden nicht ganz was überhaupt los war.

Mama hatte nur gesagt, Papa und die anderen Bergleute waren da unten und sie müssten sofort alle zur Zeche, aber da unten waren sie doch jeden Tag.

Eine alte Frau sagte „Ach, aber das kennen die doch noch vom Bunker, waren doch alle im Krieg.“

„Aber was ist wenn die Luft nicht reicht?“ fragte eine Frau mit einem kleinen Kind auf dem Arm.

„Wir tun was wir können“, sagte der Mann, der immer wieder in das gegrabene Loch rief und keine Antwort hörte.

Erst jetzt verstanden die Kinder, dass die Männer waren nicht einfach da unten waren – sie waren verschüttet und kämen nicht wieder hoch und wenn sie nicht wieder hoch kämen, kriegten sie auch keine Luft und wenn sie keine Luft kriegten, dann müssten die Kumpel sterben.

Martina begann Blumen zu pflücken, ein Kränzchen aus Sommerblüten für Papa um nicht weinen zu müssen.

Diese Idee fand sie gleichzeitig bittersüß und bescheuert, wenn Papa da unten erstickte konnte er sich doch gar nicht mehr über die Blumen freuen (und dabei mochte er Blumen so gerne).

Dann änderte sich etwas in der Luft und die Kinder merkten, dass es war weil der Mann zum ersten Mal etwas anderes rief: „Wie viele seid ihr? Verletzte oder Tote unter euch?“


Fiktives Grubenunglück in den 1950er oder 1960er Jahren als es noch Zechen gab für die Etüden. Auf der Zeche, auf der mein Großvater unter Tage gewesen ist soll Anfang der 60er Jahre eines stattgefunden haben, bei dem mindestens ein Kumpel tödlich verschüttet wurde.

Ich bin ein Durchgangszimmer.

Eine jede geht hinein oder hinaus wie sie gerade Belieben hat, knallt die Türen oder will gleich mich brandschatzen.

Ganz anders wie unten im Basement als ich noch hermetisch war.

Aber dann bin ich drei Stockwerke aufgestiegen.

Es war eine gute Zeit als Kellerdurchbruch, noch davor, nachdem ich die Hermetik aufgegeben hatte wenigstens, erfüllt, aber nicht zu voll, mit Raum, aber nie leer.

Jetzt rennen alle durch mich hindurch und keine streift sich zuvor die Schuhe ab, mag mich ernstnehmen oder bleiben.

Nein, ein Spaß ist es nicht – nur eine große Sehnsucht.

 


Für die Etüden.