Nie war die Vernachlässigung so stark in Charlotte zutage getreten wie damals als sie beim Test die Silhouette der alten Frau nicht in der jungen erkannt hatte.

Sie hatte davor schon gespürt, dass die Gutachter mehr über sie wussten, als sie selbst preisgab, schon deshalb weil sie Smalltalk nur für dummes Schwadronieren hielt (ihre Eltern hatten pausenlos über belangloses Zeug gequatscht, wichtige Dinge durften nicht angesprochen und es durfte auch nicht geschwiegen werden). Charlotte sprach über Substantielles.

Das hatte noch nicht mal damit zu tun, dass sie in den ersten 18 Jahren weder Buddelkiste (dreckige Klamotten machen Arbeit und spielende Kinder sind peinlich, auch wenn alle anderen Eltern auch welche hatten) noch Tanzbein (so lange du deine Füße unter unseren Tisch stellst bist du um 19 Uhr zu Hause – grundsätzlich!) gekannt hatte, sie mochte einfach nur kein Geseier mehr.

Sie wollte sich nicht mehr für diese Eltern schämen müssen, diese Leute, die geglaubt hatten, ihre Verantwortung ende damit Kinder in die Welt gesetzt zu haben, ab da könne man Ansprüche stellen. Charlottes Eltern fragten nie wie es ihr oder ihren Schwestern ging und immer wenn eine von ihnen versuchte von sich zu sprechen, kam die Jüngste mit ihrem Laptop rein und zeigte der Mutter oder dem Vater irgendwelche Kindergartenfreunde auf Facebook, die auch prompt beschaut und besprochen wurden.

Patricia war einmal der Kragen geplatzt: „Ich bin fünfeinhalb Stunden gefahren, in drei Stunden geht mein Zug zurück, ich bin nicht gekommen, damit du mich ignorieren kannst, du wolltest mich sehen!“

Da hatte die Mutter gesagt „Wir finden dich hysterisch.“ – dasselbe wie zu Tanja als die gesagt hatte, sie käme nicht mehr, die Eltern und Jasmin wären doch eh nur mit sich beschäftigt und alle anderen wären immer schon egal gewesen.

Das hatten sie alle gefühlt, aber keine es gesagt, weil es so unwichtig, so „normal“ war – und eh nichts ändern würde.

Aber in dem Moment mit dem Test mit der Silhouette hatte Charlotte Gefühle gehabt, sie war stockwütend geworden.


Für die Etüden.

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