Es war Leben gewesen, hier in der Siedlung, für die Arbeiter, Kinder, Frauen, Männer, alles tobte, alle hielten zusammen, sogar, die Gastarbeiter, die irgendwann in den Sechzigern auftauchten und blieben. Man kannte sich, half sich, man feierte und spielte – wenn Gerlinde dahin von heute zurückschaute war das einzigartig.

Heute war doch entweder jeder für sich oder in kleinen Grüppchen, aus denen man nicht ausbrechen durfte, damit man die Zugehörigkeit nicht verlor.

Ihr Enkelkind Emil war im Kindergarten verspottet worden nachdem er stolz seinen Ranzen für die Einschulung präsentiert hatte.

Einfarbig rot war heute was für Mädchen und Emil hatte sich in deren Domäne gemischt.

Das kam Gerlinde so ähnlich vor wie ihre Siedlung :da wo wie selbst verständlich alle zusammen in den Arbeiterhäusern gelebt hatten – Schlagermusik hier, türkische Wortfetzen da – war jetzt eine Straßenschlucht, denn da sollte die Straßenbahn her. Für die Besserverdienenden, für die schon die Häuser und die Bäume abgerissen worden waren, damit man hier statt leben in Glaskäfigen und panzerartigen Geländewagen existieren und das „gehobene Ansprüche“ und „exklusiv“ nennen konnte. Wenn sie deren Kinder sah, diese Luisen und Charlotten, Josefinen, Wilhelme, Leopolde und Maximiliane, dann kam es ihr vor wie im Film von Fritz Lang Metropolis, nur dass man den Kindern ihr Arbeitersein und keine Identität außerhalb des Funktionierens haben – es muss ein Mensch an der Maschine sein – nicht ansehen würde.

Sie kamen nicht von schlechten Eltern, sie waren die Besseren mit der sozialen Distinktion – bis die Achterbahn nach unten ging und dann wollte Gerlinde ihre Entwurzelung nicht kennen.


Für die Etüden.

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