Noch nach siebzehn Jahren nannte Jürgen es einfach „den Auftritt“, dabei war es ein Outing gewesen und das Wort tat Juliane und Nguyen weh, weil es so sinnlos war, zumal außer Jürgen keiner verstand was daran so schlimm sein sollte, dass der Mann seiner Tochter zufällig Vietnamese war.

Verständlich für die Leute wäre noch gerade eben gewesen wenn Jürgen auf dem angeknacksten Elfenbeinturm protestiert hätte weil seine Tochter einen Mann liebte und nicht so wie er und Frederik war, aber es ging nicht darum, es ging darum, dass dieser Mann irgendwann aus Vietnam gekommen war.

Dass nicht er, sondern seine Eltern war Jürgen völlig egal.

„Vielleicht gibt er uns nur das, was er auch erfahren hat…“

„Dazu hat er kein Recht“, Julianes Fingernägel bohrten sich in das Lenkrad, „weißt du womit ich bis heute nicht klar komme?“

„Schon.“

„Dass man das eigentlich keinem erzählen kann“, sagte sie trotzdem, „es wird einfach nicht geglaubt. Schwule sind selber eine Minderheit und eine Minderheit ist für die Leute immun dagegen selbst Vorurteile zu haben, der kann uns also gar nicht ablehnen, wir stehen dann als Lügner da.“

Juliane und Nguyen hörten einander atmen.

„Irgendwann fällt auch der aus seinem Vogelnest.“

 


 

Für die Etüden.

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