Eine Stunde, zwei Stunden, drei Stunden, vier… bis es fast dunkel wurde.

Die Leute, besonders die Frauen und die Kinder waren nervös, manche weinten, beteten oder rannten zwischen den Fahrzeugen und Gerätschaften hin und her aber Ralf und Martina verstanden nicht ganz was überhaupt los war.

Mama hatte nur gesagt, Papa und die anderen Bergleute waren da unten und sie müssten sofort alle zur Zeche, aber da unten waren sie doch jeden Tag.

Eine alte Frau sagte „Ach, aber das kennen die doch noch vom Bunker, waren doch alle im Krieg.“

„Aber was ist wenn die Luft nicht reicht?“ fragte eine Frau mit einem kleinen Kind auf dem Arm.

„Wir tun was wir können“, sagte der Mann, der immer wieder in das gegrabene Loch rief und keine Antwort hörte.

Erst jetzt verstanden die Kinder, dass die Männer waren nicht einfach da unten waren – sie waren verschüttet und kämen nicht wieder hoch und wenn sie nicht wieder hoch kämen, kriegten sie auch keine Luft und wenn sie keine Luft kriegten, dann müssten die Kumpel sterben.

Martina begann Blumen zu pflücken, ein Kränzchen aus Sommerblüten für Papa um nicht weinen zu müssen.

Diese Idee fand sie gleichzeitig bittersüß und bescheuert, wenn Papa da unten erstickte konnte er sich doch gar nicht mehr über die Blumen freuen (und dabei mochte er Blumen so gerne).

Dann änderte sich etwas in der Luft und die Kinder merkten, dass es war weil der Mann zum ersten Mal etwas anderes rief: „Wie viele seid ihr? Verletzte oder Tote unter euch?“


Fiktives Grubenunglück in den 1950er oder 1960er Jahren als es noch Zechen gab für die Etüden. Auf der Zeche, auf der mein Großvater unter Tage gewesen ist soll Anfang der 60er Jahre eines stattgefunden haben, bei dem mindestens ein Kumpel tödlich verschüttet wurde.

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