Für Menschen, die aus der Angst kommen ist Verlustieren ein schweres Wort.
Niemand weiß das so gut wie Melanie, die in und aus der Angst heraus geboren ist und sie weiß auch wie das so ist wenn man es dann doch mal versucht. Es macht Angst und die Angst selber macht auch Angst und das ist ein Teufelskreis, weil man das in der ihm eigentlichen Unsagbarkeit nicht sagen kann. Eigentlich für eigen und verlustieren für verlieren – für jemanden wie Melanie, aus einer Welt mit fünf Wahrheiten ist das alles das gleiche.
Auch wenn das schon wieder unsagbar ist, denn wer das versucht, der versucht auch in einem Kramladen zwei Liter Milch zu kaufen, das sprichwörtliche Brot im Eisenwarenladen.

Melanie will das nicht einmal denken.

Sie will Farah zuhören, von der sie genau weiß, dass Farah wirklich, richtig aus der greifbaren Angst, unmittelbar für alle zu sehen kommt.

Und Farah sitzt mit ihr hier unten am Fluss auf der Bank, sieht den Ausflugsschiffen zu, freut sich über den Hund, der von seinen Besitzern auf der anderen Seite gefüttert wird und will von Melanie wissen wann am nächsten Tag das Kulturfest losgeht.

 

***

 

Der Jörg war ein Mensch, dem das Wort Verlustieren stand.

Erwachsen ein großes Kind, die ganze Wohnung ein Kramladen, und die Frau der langen Jahre ein Mutterersatz, viele Jahre älter als er.

Beizeiten war das gut gegen die Angst.

Jene als seltenes Einzelkind einer Generation seinen Kontext zu verlieren, wenn die Eltern mal gingen.

Die Mutter ging früh, der Vater lebte bis zum Tod bei Jörg im Haus.

Jene davor, die Verantwortung für ein eigenes Kind tragen zu müssen und dann nicht mehr der Ersatz für die Frau und gleichzeitig erwachsen zu sein.

Das würde ihn brechen.

Und der Fakt der Kinderlosigkeit zerbrach ihn mit der Frau.

Eines Tages fand jemand, ein bekannter im Kramladen die Spielautomaten und den Kaugummispender auf dem Fliesenboden und bekam auf sein Rufen keine Antwort.


 

Zweierlei für die Etüden. Gruß an Christiane, Ludwig und Gerda.

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