Wäre es nach meiner Nase gegangen, dann hätte ich Sonja in die nächste Ecke gezogen und geküsst. Aber das wären ja Fisimatenten oder Verlustierungen gewesen und obwohl uns eher der Schalk als die Angst im Nacken saß, mit Kramer musste man es sich nicht anlegen.

Kramer war schon korrekt, aber manchmal eben zu sehr und dann nannten ihn alle Kramladen.

Sonja behauptete immer, er sei eigentlich selber so, aber das wussten wir nicht und es ging nicht nach meiner Nase und andere Nasen waren Schuld daran, dass Kramladen überhaupt nötig war.

Drogen im das Millennium verpennt habendem Jugendclub bei uns auf dem Dorf!
Seitdem gab es keine Fisimatenten und Verlustierungen mehr oder auch erst seit Kramer Miriam und Björn auf dem Klo erwischt hatte.

Das war auch nicht wichtig, denn seitdem gab es die Geschichten wenn Kramer gut drauf war. Wer kann sich schon vorstellen, dass seine Eltern mal nicht viel anders waren?

Wir – seit Kramer aus dem Nähkästchen plauderte.

Am besten gefielen und die mit den Herbert Tobias-Fotografien im Zimmer von Saschas Vater und die mit der Mutter von Jennifer und der Urlauberin beim Rhododendron, die anderen lachten natürlich, aber Sonja und ich dachten im Stillen nur Ach nee, wir sind weder einzig noch artig.


Gruß an Christiane, Ludwig und Gerda.

Für Menschen, die aus der Angst kommen ist Verlustieren ein schweres Wort.
Niemand weiß das so gut wie Melanie, die in und aus der Angst heraus geboren ist und sie weiß auch wie das so ist wenn man es dann doch mal versucht. Es macht Angst und die Angst selber macht auch Angst und das ist ein Teufelskreis, weil man das in der ihm eigentlichen Unsagbarkeit nicht sagen kann. Eigentlich für eigen und verlustieren für verlieren – für jemanden wie Melanie, aus einer Welt mit fünf Wahrheiten ist das alles das gleiche.
Auch wenn das schon wieder unsagbar ist, denn wer das versucht, der versucht auch in einem Kramladen zwei Liter Milch zu kaufen, das sprichwörtliche Brot im Eisenwarenladen.

Melanie will das nicht einmal denken.

Sie will Farah zuhören, von der sie genau weiß, dass Farah wirklich, richtig aus der greifbaren Angst, unmittelbar für alle zu sehen kommt.

Und Farah sitzt mit ihr hier unten am Fluss auf der Bank, sieht den Ausflugsschiffen zu, freut sich über den Hund, der von seinen Besitzern auf der anderen Seite gefüttert wird und will von Melanie wissen wann am nächsten Tag das Kulturfest losgeht.

 

***

 

Der Jörg war ein Mensch, dem das Wort Verlustieren stand.

Erwachsen ein großes Kind, die ganze Wohnung ein Kramladen, und die Frau der langen Jahre ein Mutterersatz, viele Jahre älter als er.

Beizeiten war das gut gegen die Angst.

Jene als seltenes Einzelkind einer Generation seinen Kontext zu verlieren, wenn die Eltern mal gingen.

Die Mutter ging früh, der Vater lebte bis zum Tod bei Jörg im Haus.

Jene davor, die Verantwortung für ein eigenes Kind tragen zu müssen und dann nicht mehr der Ersatz für die Frau und gleichzeitig erwachsen zu sein.

Das würde ihn brechen.

Und der Fakt der Kinderlosigkeit zerbrach ihn mit der Frau.

Eines Tages fand jemand, ein bekannter im Kramladen die Spielautomaten und den Kaugummispender auf dem Fliesenboden und bekam auf sein Rufen keine Antwort.


 

Zweierlei für die Etüden. Gruß an Christiane, Ludwig und Gerda.

„Ja, Pusteblume/-kuchen heißt das!/Mir doch egal, du hast dich vom…“

Ich weiß nicht was zu wem gehört.

Seit Tagen geht die Diskussion wer nun vom Käshuber, dem alten Käsehobel, wegen dem Maulwurf-Stopp aufs Kreuz gelegt wurde.

Ist doch egal, Hauptsache das Vieh gräbt nicht mehr den ganzen Garten um.

Aber nein, die beiden müssen sich in das Thema versteigern, weil sie den Käshuber noch nie leiden konnten und der Käsehobel schon immer link war und überhaupt, das hier ist Bayern und sie waren schon immer hier und Volkstheater und… Sowieso und überhaupt.

Da wo ich herkomme streitet man nicht um Maulwurfshügel, da taugt es auch nicht für’s Theater. Auch blöde Namen nicht. Ich bin der Stopfkuch Stefan, ich weiß das.

Aber Herrschaftszeiten, hier taugt das für ein Geschrei auf der Bühne, dass man denkt, es kommt kein Mensch zur Premiere, weil die ganze Ortschaft das Stück von den Proben kennt.

Und jetzt brauche ich eine Maß Löwenzahnblätter-Tee!


Gruß an Christiane und Ludwig.

Was weiß ich denn heute noch wer damals angefangen hat?

Ich weiß nur, dass Jana damals anfing uns alle zu hassen. Es hatte was Gutes, sie begann sich selber zu lieben, aber sie schert uns jetzt alle über einen Kamm. Golfrasen und Bürosex war die Sache von Matthias, ich habe nie an irgendeinem Arbeitsplatz gepoppt und das womit Jorit gerast ist war kein Golf und überhaupt ist Jorit 19 und nicht 47. Aber natürlich, wir sind die Kinder von Matthias und sind deshalb mit Schuld, denn wir können ja etwas dafür, dass die Gebrauchsanweisung für gemeinsame Kinder bei uns erstens vergessen wurde und zweitens sowieso nicht drin gestanden hätte, dass gemeinsame Kinder auch ihren Vätern ähneln können.

Aber so bald man das sagt kommt, man hielte zum Vater und Weißt du denn nicht, Patricia, wer damals angefangen hat?


Nicht gut und beizeiten hätte ich da sicher was anderes draus gemacht, aber es taugt um die Wartezeit der Computer-Update-Installation rumzukriegen. Gruß an Christiane und Ludwig.

Manchmal wenn Vanessa durch die Straßen, hindurch durch die ganze Stadt geht, hat sie Angst, dass sie jemand erkennen könnte. Aber das ist Unsinn weil Vanessa in dieser Stadt hier niemanden kennt. Noch immer nicht, seit Jahren, man kann sich also auch versteigen. In der großen Stadt, im größten Stadtteil war das nicht so. Damals fuhr sie in einen anderen und stand mutig in der Anonymität, obwohl es viel leichter gewesen wäre erkannt zu werden. Vanessa begreift, dass das nichts mit dem Ort zu tun hatte. Es ging nicht darum wegzuziehen damals, es ging darum aus dem Brennpunkt über diese Familie hinauszuwachsen.

Im Geschirrspülbecken alte Kippen und verrußte Alufolie, auf dem Schlafzimmerboden diese zwei verknäulten Menschen, an den Flurfliesen ausgekotzter Joghurt, hinter dem Wohnzimmerfenster pulsierte die Straße in veilchenblau. Ich wollte die Hochhäuser sehen und sah nur die Mauer. Ich war wie diese Frau in der Männergruppe, die mit dem Hund und der Cola-Dose und es würde nie anders werden. Ich könnte mich niemals ändern, die Mauer wäre immer dabei und das wusste ich. Es gab keine Chance.

Im Bad die halb geleerte Flasche und der stehende Rest. Ich spülte ab und ging selber. Ich hasste den Ekel, weil ich die beiden hasste. Und ich hasste die Mauer, weil ich die Frau hasste. Das letzte Mal, dass ich das gedacht hatte, hatte ich das Fenster eingeworfen.

Ich blieb bis zum Morgen. Ich saß in der Küche mit dem Rücken zur Wand und wusste nicht worauf ich noch wartete. Irgendwann gingen die Kirchenglocken, aber Wut ist alles außer rot und es wäre besser sie nicht zu kennen.

Dann kam Patrick. „Ich hab gewartet“, sagte er, „die ganze Nacht. Adrian kam um eins und konnte sich kaum noch halten. Von einem Pfahl zum anderen, an die ein oder andere Laterne gespuckt, Angst, den Weg nach Hause nicht zu überleben.“

Ich hörte nur zu. Das Tonband war neu.

„Völlig fertig, Rotraut, mit der Welt am Ende.“

Nur die Wortwahl eine andere.

Vom ungefähr 14./15.05.

***

Wenn auch der letzte Stuhl bricht spielen die Anspannung und die Geduld mit der Langeweile fangen. Die, die sie fängt ist die Nervosität und die ist die Geisel des Wissens, dass es nicht werden kann. Es gibt nichts, da kommt nichts mehr. Aber man hat noch ein anderes Wissen, das um den Zustand der Welt und wenn man das nüchtern betrachtet ist dieses Fangenspiel lustig.

Vom 21.05.

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„Du Unglücklicher machst dir noch Hoffnung“, schreibt sie. „Es kann für mich nicht leicht sein, wenn es dir so hart dabei ist und ich bitte dich nochmals: lass es.“ Wenn das so einfach wäre. „Ich tue was ich tue, weil es eben keinen Wert hat, nur um mir selbst zu beweisen, dass es möglich ist, dass ich es ertragen kann, wenn ich müsste, und mit dir, das habe ich dir erklärt, wäre es etwas völlig anderes. Diese Heiligkeit, die wir zwei dabei hätten hielte ich nicht aus, denn dann müsste ich im Moment sein, ganz bei dir und das wollte ich nicht anderes. Du verdienst es, dass man dann bei dir ist, dass es was heißen kann. Und das kann ich nicht, ich ertrage das nicht, den Gedanken und auch nicht den Satz, weil er mich noch nie geschützt hat und ich will nicht so schutzlos sein. Ich kann dich sehen, du würdest sagen ‚Das bist du doch nicht‘, aber ein Schutz ist auch immer eine Bedrohung für mich. Jens, merkst du wie nahe dieses Wort an ‚Schatz‘ steht? Und du bist das, was ich noch habe.“

Ich las dreimal und war nicht einen Schritt weiter.

Vom 23.05.

Ab 13.05. fiel mein Internet aus und ich konnte nicht zeitnah posten.

Die Nacht ist ein Schaf, denn dämlich blökend rennt sie dem Tag hinterher. Wie sonst könnte es Menschen geben, die davon reden die Nacht zum Tag zu machen oder, auch so einige, den Tag zur Nacht?

Wie das Schaf ernährt sich die Nacht von Gräsern. Jenem im Kopf und jenen auf der Wiese und wie das Schaf mag die Nacht hinterher Milch geben und selber der Käse ist eine Delikatesse.

Wie aber wird es zu erklären sein, dass die Nacht an jedem Zeitpunkt für sich selbst ist, das Schaf jedoch in Regel in der Herde?

Ist dann nicht eher so der Fall, das jedes Schaf einmal die Nacht ist? So soll man sie doch zum Schlafen zählen. Vielleicht als Glückbringen, dass man am Morgen aufwacht.

Was weiß man über Carola?

Wissenswertes.

Carola ist das Kind von Stefanie und das Enkelkind von Karin, Carola ist altersmäßig kein Kind mehr, aber auch noch kein erwachsener Mensch und Carola hat Angst vor alten Tankstellen. Unerklärlich.

Was weiß Carola nicht?

Wissenswertes über Carola.

Carola weiß nicht, dass sie nicht die Enkelin von Karin und deren Mann sein kann, weil der nicht mehr lebt. Arbeitsunfall als Stefanie ein Kind war, viel jünger als Carola, aber durch das Ereignis schon ein erwachsener Mensch. Carola kann sich als das Enkelkind von Ralf empfinden, aber sie ist es nicht, sie war nicht auf Ausflug am Meer.

Was weder Stefanie und Karin noch Carola über Carola wissen, was aber wissenswert wäre, ist, dass Carola als kleines Kind einmal das Foto gesehen hat auf dem Ralf in Arbeitskleidung die kindliche Stefanie zum Anschauen in das Führerhaus des Tankwagens hebt.

 


Für die Kooperation zwischen Christiane und Ludwig Zeidler (vormals lz/textstaub).

 

Also wenn, ja, wenn mich wirklich etwas an Janine aufregt, dann sind es die Rechtschreibfehler!

Das sind schon keine Versehen mehr, dieser Mensch macht das mit absoluter Sicherheit und Absicht.

Sich dumm stellen, Meer statt mehr schreiben und so was, dauernd, und dann losheulen wenn man ihr sagt, sie ist mit ihren 45 Jahren kein Kind mehr. Angeblich hätte sie das nicht gelernt, aber ich frage mich was dann, sie war doch auf einer Schule. Auf einer Sonderschule zwar, aber mir kann keiner erzählen, dass die da nichts lernen.

Ja, gut, es stimmt, also irgendwie, so richtig schreiben und lesen kann von denen keiner. Das ist schon komisch, weil also, wenn Janine was hört dann versteht sie fast alles, auch Politik und so, aber eben nicht in der Zeitung.

Und das verstehe ich nicht.

Oder stimmt es vielleicht doch, dass es da keinen Unterricht gab und man die Jungen und Mädchen nur malen lassen hat, denn sie kämen so am sichersten in die Werkstatt und eine hohe Einweisungsquote brächte der Schule Geld?

Das wurde letztens im Radio gesagt.

 


Noch mehr für die Kooperation zwischen Christiane und Ludwig Zeidler (vormals lz/textstaub). Und auch für Kathleen, Miriam und Daniela – alles Arten von Janines. Normal intelligent, aber dumm gemacht.