Den Kindern wurde gesagt, sie sollten sich fernhalten, mit so einem sprach man nicht und die Erwachsenen tuschelten, der wäre doch sicher selbst schuld, in diesem Land musste keiner hungern und auf der Straße leben. Aber die Kinder liebten den Zaunkönig.

Er hieß Zaunkönig, weil er am Zaun saß und der Zaun war in der König-Ludwig-Straße.

Den König Ludwig hatte es vor langer Zeit, als noch keiner von ihnen geboren war, in Bayern gegeben und der hatte keine Emailadresse oder WhatsApp gehabt, weil es das damals noch nicht gegeben hatte. Auch keine Fernseher oder Radios.

„Aber was hat denn der dann die ganze Zeit gemacht, wenn ihm langweilig war?“ fragte Charlotte durch ihre Zahnlücke und sah sich um, weil ihre Eltern sie hier nicht sehen durften.

„Das können wir nicht mehr so genau wissen.“ Der Zaunkönig hatte in der großen Tasche mit seinen Habseligkeiten gekramt und ein paar Murmeln herausgeholt.

„Vielleicht hat er gegen sich selbst flippern gespielt“, fand Johannes.

Der Zaunkönig meinte, auch das hätte es nicht gegeben, achtzehnhundertirgendwas gab es noch nicht mal elektrisches Licht.

Das verwirrte die Kinder, denn ihr Uropa hieß auch Ludwig, war bestimmt alt genug, dass er den König in Bayern noch gekannt hatte und spielte wenn ihm langweilig war immer Tetris.

 


 

Für Textstaubs abc.etüden. Dass der Vorname stimmt ist Zufall. Ein Zaun kann auch als vergittertes Fenster (siehe Klaus Mann und seine Ludwig-Novelle) gesehen werden.

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