Der Ekel vor der Tomatenpflanze kam durch Anne-Sophie, und dass ihre Mutter sie einfach weggeworfen hatte ärgerte Marie nur so nebenbei. Bisher hatte sie ihren Ärger darauf konzentriert, dass ihre Mutter das Geschenk von Viktoria einfach so weggeworfen hatte.

Beim Nachdenken klang das als ob es um Kinder ginge, aber man war schon längst 20. Viktoria hatte die Pflanze selbst geschenkt bekommen und verschenkte jetzt die Triebe. Marie hatte ihren nur aus Höflichkeit angenommen. Sie fand ihn wirklich eklig obwohl er schon Früchte hatte.

Es brauchte Alkohol und das dämliche Gequatsche von Moritz im Hintergrund in der Studentenkneipe um zu merken warum. Denn plötzlich sah Marie, dass das mit Anne-Sophie gar nicht so okay war, wie sie immer gedacht hatte. Sie hatte immer gedacht, das Verhalten ihrer Mutter der gegenüber sei in Ordnung, die müsse das eben aushalten und AS, wie sie in den WhatsApp-Nachrichten zwischen der Mutter und Marie genannt wurde, machte ja auch Arbeit und störte irgendwie. Wegen der konnte man keinen mitbringen. Wenn die da war, war nichts mehr locker und entspannt.

Aber die war doch schon immer da gewesen, so lange Marie lebte. Das war deren Naturzustand und bei Marie und ihrer Mutter war alles künstlich. Nachhilfe, Topfpflanzen… mehr fiel ihr nicht ein. Wahrscheinlich weil bis auf Anne-Sophie alles, was Marie kannte künstlich war.

Kam schon mal vor, dass Susanne nostalgisch wurde. Vorm Fenster vom Schreibwarenladen wenn sie Zettelklötze sah. Oder auch bei Discounteraktionen. Bunte Klötze, Tacker, Stift und Adressaufkleber, Labels, wie man es damals nannte, mehr brauchte es oft nicht um vor zwanzig Jahren jemandem eine kleine Freude unter Brieffreunden zu machen. Klar kamen viele von den Dingern weg oder nie an und das wusste auch jeder, aber gerade deshalb war die Freude riesig wenn man im Postkasten einen Brief fand, von einem fremden Absender, der ein liebevoll gemachtes „Friendship Book“ gemacht von einem lieben Briefkontakt zurückschickte. So etwas gab es doch gar nicht mehr. Michelle und Leonie konnten sich nicht mehr vorstellen, dass ihre Mutter endlose verregnete Nachmittage damit verbracht hatte anderen Jugendlichen per Hand zu schreiben. Anja in Bottrop, Nicole in Timmendorfer Strand, Hülya in Frankfurt, Valerie in Halle. Und dass man damals seine Stars nicht über twitter und Facebook anschwärmte, sondern sich in Briefen drüber austauschte.

Von heute aus schien das unerreichbar weit weg. Und unmöglich. Sie wusste ja gar nicht was ihre Teenies mochten. Ihre eigene Mutter war damals ständig reingekommen, sie sollte das Gejaule leiser oder am Besten gleich ausmachen und wieso schnitt sie Artikel von der Lumpensammler-Familie aus, wenn sie die angeblich nicht mochte?! Die tauschte Susanne mit Cindy aus Schwerin gegen seltene Diddl-Blätter, auch das tat man damals. Machte man das heute noch?

Kam schon mal vor, dass Susanne sich so etwas fragte. Dann dachte sie auch ob ihre Mutter sich so was genau so gefragt hatte.

Kam schon mal vor, dass Susanne nostalgisch wurde.

Das Lieben ist milchweiß und kennt keinen Rost. Anders als die Lebe, denn die kennt Nachtlicht und noch dazu in aller Tageslichttauglichkeit. Wie den Spiegel und das Hoffen, aber das braucht man nicht wissen wenn zufälligerweise man die Lebe und Nachtlicht kennt.

Fluss, fließend.
Adieu, Madame.

Wenn man sie sieht darf man das nicht denken, außer dann, wenn einem die Nase läuft, weil der Rotz den Rost verschleiert.

 

***

 

Alltagskompetenz deren Fehlen man nicht zeigen durfte. Mit 21 war es verzeihlicher innerlich rostrot als milchweiß zu sein, auch wenn beides meinte man hatte den Fluss verpasst. Sarah ging nah an den Fenstern ohne es zu merken, damit man den Fehler nicht sah und nie sah sie dabei jemandem ins Gesicht oder aufs Smartphone. Laut Gefühl hätte gerade das sie verdächtigt gemacht. So war sie vielleicht eine von denen, jene denen, die sie nicht genau definieren konnte, weil sie nur noch eine Ahnung, aber keine Erinnerung mehr hatte. Es gibt keine Sehnsüchte nach niemals gewesenen Spielen, nur jenen, die man nicht gespielt hat.

 

***

 

Es gab keine Fotos, deshalb war das einzige, das wir als Kinder von unserem Bruder Robert hatten eine Streichholzschachtel. Milchweiß oben und an den Seiten zerratscht, innen in der Schublade in rostroter Handschrift eine Nummer. Wer weiß wozu die gehörte. Wenn wir fragten wollte davon niemand wissen, weder von der Schachtel noch von Robert, Nicole und ich sahen aber gerade deshalb immer das Bild von dem eingefrorenen Fluss. Nicht Wasser, Winter oder Schlittschuhe machten uns Angst, sondern Menschen, die nicht mit uns reden wollten. Die, die ihre Vergangenheit vergessen hatten. Nicole sagte, die werden animalisch. Wenn ich heute diese Leute auf dem Marktplatz krakeelen sehe, wird mir schlecht.

 

***

 

Wegen dem Kleid konnte ich nachts nicht mehr schlafen. Im Laden hatte es mir gefallen und ich hatte mir vorgestellt, dass ich es tragen würde in jenen Stunden, in denen Natascha und ich unten am Fluss entlang gingen, aber in meiner Wohnung sah das Rot aus wie Rost.

Wenn ich zu lange hinsah spielte mir mein Kopf einen Streich und ich sah rote Flecken an den milchweißen Wänden, wahrscheinlich ein Zeichen von Jahrzehnten mit Flecken auf weißen Laken.Leuchtrot auf Blüten- oder Cremeweiß.

Wie konnte ich denn nicht zu alt sein? Hatte ich nicht heimlich gelacht wenn die Mittvierziger plötzlich zu turteln anfingen und das auch noch mit viel jüngeren Frauen?

Dieses Kleid brachte alles Schlechte.

Mit der alten Singer könnten es Stuhlhussen werden oder Sofakissen. Die Möbel in meiner Wohnung waren alt und was alt und verdinglicht darf auch rosten.

 


Vier einzelne Stücke für die Etüden, unabhängig voneinander und teils von gestern.

Also irgendwas wollten wir. Nicht dass wir gewusst hätten was, aber es muss etwas gewesen sein, weil es irgendetwas gegeben haben musste, dass wir wollen wollten. Etwas, das wir wollten. Vielleicht hat uns auch die bloße Idee etwas zu wollen gereicht, aber dann haben wir eben genau das gewollt. Eine Idee. Ideen sind gut, wenn sie durchdacht sind. Aber halt! Denken – das wollten wir damals nicht.

Es geht doch gar nicht darum, aber Anna denkt beim Wort „Penetration“ sofort an ihre Murmel oder vielleicht auch die zwei Murmeln weiter oben, das kann man nicht so genau sagen. Der Satz ist jedenfalls A poem is a penetration into the essence of something und hat so gar nichts damit zu tun und Tim findet sowieso, sie sitzt da wie ein aufgespießter Zaunkönig. Jedenfalls nervt sie. Frag hier irgendwen, der wird dir schon sagen, dass Mademoiselle uns hier allen auf den Sack geht. Was die im Literaturkurs sucht hat noch keiner begriffen. Den größten Ertrag für Fümmelchen, Klunker, Spitzenhöschen und andere Habseligkeiten bieten in der Realität die Geisteswissenschaften wirklich nicht gerade. Wahrscheinlich kommt ihr Sozial nur noch niveauloser vor und für Medizin oder so müsste so eine ja nebenberuflich auf den Strich. Pfui bäh.


 

Ein belauschtes Gespräch zwischen Studenten umgewandelt und in eine Etüde eingebaut. Der englische Satz stammt aus „Writing For Your Life“ von Deena Metzger.

Den Kindern wurde gesagt, sie sollten sich fernhalten, mit so einem sprach man nicht und die Erwachsenen tuschelten, der wäre doch sicher selbst schuld, in diesem Land musste keiner hungern und auf der Straße leben. Aber die Kinder liebten den Zaunkönig.

Er hieß Zaunkönig, weil er am Zaun saß und der Zaun war in der König-Ludwig-Straße.

Den König Ludwig hatte es vor langer Zeit, als noch keiner von ihnen geboren war, in Bayern gegeben und der hatte keine Emailadresse oder WhatsApp gehabt, weil es das damals noch nicht gegeben hatte. Auch keine Fernseher oder Radios.

„Aber was hat denn der dann die ganze Zeit gemacht, wenn ihm langweilig war?“ fragte Charlotte durch ihre Zahnlücke und sah sich um, weil ihre Eltern sie hier nicht sehen durften.

„Das können wir nicht mehr so genau wissen.“ Der Zaunkönig hatte in der großen Tasche mit seinen Habseligkeiten gekramt und ein paar Murmeln herausgeholt.

„Vielleicht hat er gegen sich selbst flippern gespielt“, fand Johannes.

Der Zaunkönig meinte, auch das hätte es nicht gegeben, achtzehnhundertirgendwas gab es noch nicht mal elektrisches Licht.

Das verwirrte die Kinder, denn ihr Uropa hieß auch Ludwig, war bestimmt alt genug, dass er den König in Bayern noch gekannt hatte und spielte wenn ihm langweilig war immer Tetris.

 


 

Für Textstaubs abc.etüden. Dass der Vorname stimmt ist Zufall. Ein Zaun kann auch als vergittertes Fenster (siehe Klaus Mann und seine Ludwig-Novelle) gesehen werden.

Nachmittags sind mehr Leute auf den Straßen. Der Satz wirkt seltsam und deplatziert wenn Karoline ihn auf dem Asphalt sieht, weil sie etwas anderes als seine Urheber damit verbindet. Sie sieht dann Demos und Rückgrat, die jungen Leute nur eine Floskel wie dieses überall auftauchende DU bist wundervoll und Ich glaub‘ an Dich. Leere Phrasen, die den Zustand der Leute beschrieben. So verzweifelt, dass sie den Hohn darin nicht mehr sahen.

Aber Nachmittags sind mehr Leute auf den Straßen. war anders, ist es jedes Mal. Wörtlich genommen stimmte es, das konnte man prüfen. Deswegen ja, diese Feststellung war doppeldeutig und vielleicht war das ein Ruf, dass etwas anders werden sollte.

Aber wie anders? Der Zustand der Welt könnte positiv gebrauchen, aber die Klippe zum Schlimmeren ist schon ein paar Mal in letzter Zeit genommen worden. Durch diese Leute, die das Friseurhandwerk diskredieren.

Der Satz gefällt ihr. Dann brauchte man die Namen nicht sagen und ohne T. und W. und die Länder A. und N. auszusprechen, konnte man sich wenigstens vormachen, dass man mit den Leuten noch über etwas Wichtiges reden konnte.

Sabrina fand Galeristen armselig. Ein überhebliches, intellektuelles und geltungsbedürftiges Pack, das sich selbst als die Rettung der Menschheit feierte.
Sie hasste auch Vernissagen. Alles so steif und theoretisch und alles ganz wichtig Kunst, während man sie und ihre Arbeiten als Kreativscheiß verschrie. Kunsthandwerk! Und mit ihrem Eso-Scheiß – Sabrina war der Meinung, Kunst müsse aus der Seele kommen – solle sie sich gleich mal trollen, so würde das nichts. Manchmal beneidete Sabrina die, die davon überhaupt nicht leben wollten, Thomas, Daniela und Johanna, aber dann hasste sie diese drei auch, weil sie den Markt kannten und immer nur sagten, sie würden sich nicht prostituieren. Sabrina empfand sich dann abgewertet, die konnten sie nicht verstehen und fanden sie wohl insgeheim ein Strichmädel. Manchmal wollte sie einfach nur hinschmeißen, die anderen wirkten irgendwie glücklicher.


 

Textstaub variiert seine Schreibeinladung und der Würfel gibt mir Galerist, Rettung und Armselig. Ich kenne tatsächlich die ein oder andere „Sabrina“, diese hier ist aus mehreren Personen zusammengewürfelt.

Wir hatten was wir hatten um zu retten was nicht zu retten war.Und dabei ekelten wir uns wie vor unseren Eltern, die so Leben simuliert hatten als schon lange nichts mehr voneinander zu holen war.Die Strandmuscheln lagen wie aufgesprungene Meeresfrüchte und das Fischnetz an der Decke der Hafenkneipe hing so da als wäre es eine Hängematte vor dem Herrn – in unserer Anspannung war alles doppeldeutig, sprach das alles ein Urteil, das wir nicht sehen wollten. Wir wollten es doch besser machen. Es konnte doch nicht sein. 23 Jahre für nichts.Wir waren erwachsen, zu alt.

So konnten wir uns doch nicht blicken lassen.


Für textstaubs abc.etüden.

Du hast geguckt, ich hab’s genau gesehen! dachte Gregor. Ach, er wurde schon paranoid! Aber wie denn auch nicht, wenn man hier angestarrt wurde wie der sprechende Rotpeter im Zoo. Klar, in BILD, Fernsehen und wusste er sonst wo kam einer wie er nur vor in Zusammenhang mit Hängematte. Es war ja auch leicht zu reden, wenn man noch nicht alles verloren hatte. Früher hatte er auch gesagt Die können sogar Meeresfrüchte von Lidl fressen und nicht weitergedacht weil sein Urteil festgestanden hatte.

Tja, und jetzt saß er hier inmitten dieser Menschen, die alle nicht nach Asi aussahen und eingeschüchtert darauf warteten, dass sich die richtige Tür für sie öffnete. Der alleinerziehende Vater, der einen 400€ Job anmelden wollte genauso wie die Frau, deren Wohnung ausgebrannt war und der Junge, der gerade 25 geworden und von seinen Eltern herauskomplimentiert worden war und das Mädchen, das nur schnell die neue Krankenkassenversicherungsnummer mitteilen wollte und dafür seit Stunden wartete.

Manchmal kam einer von den Mitarbeitern aus einem der Zimmer, schloss die Tür hinter sich zu, begaffte die Wartenden und hielt es für ein Weltwunder, dass Gregor ein Buch las und der Vater mit dem kleinen Kind Klatschspiele spielte.


Für die abc.etüden von textstaub.