Ich hatte verdrängt warum wir auf diese Brücken kletterten. Die und die Dinger mit den Autobahnschildern, manchmal gab es da kleine Balkone. Ich glaubte wirklich, dass er mir die Aussicht zeigen wollte wenn er den Arm kreisen ließ und erzählte „Von hier aus kannst du das und das und nach da sehen, in da und da passiert das und das.“ Für mich war diese Weite Freiheit. Wenn er dabei nach unten sah auf die rasenden Autos, dachte ich, er müsse nur ausruhen, wir waren manchmal vorher ein Stück Weg gerannt. Nicht weil wir mussten, weil wir urplötzlich Lust dazu hatten Ich wusste es nicht besser. Manchmal rauchten wir da oben von derselben Kippe.

Es kam dieser Tag, an dem er in der WG-Küche zu Holger sagte, dass es letztlich egal wäre. Nicht was, nur das Wort es, vielleicht in einem ganz anderen Zusammenhang. Ich stand im Flur und hielt noch die Klinke zur Toilettentür und wusste plötzlich Bescheid. Es gab keinen Lichtblitz oder einen Farbwechsel, aber über unseren Ausflügen lag ab genau dem Moment ein anderes Licht. Das Geräusch im Kopf war wie das einer alten Dia-Maschine.

Ich überlegte nachmittags nicht mitzugehen. Aus Enttäuschung und Wut und… aber meine Füße gingen auch ohne mich. Ich kam erst mit dem grünen Auto mit meinen Initialen im Kennzeichen und während der zweiten Kippe.

Ich schalt mich, es war wie immer. Das Wetter war gut, ich hätte liebend gern ein Eis gehabt.

„Kannst du noch zählen?“ wollte er wissen.

„Ich zähle nicht, das weißt du.“

Er zuckte die Schultern. „Ich schon.“

„Was hat das für einen Sinn?“

„Ich zähle doch alles, weißt du doch.“

Ich wusste auch warum. Er zählte gegen das, was da war an, damit er es endlich vergessen konnte.

„Wahrscheinlich ginge… Wenn man sich fallen ließe, ginge ich … ginge es wahrscheinlich ziemlich schnell.“

„Red kein Blech!“

„Ich mein ja nur.“

„Mach kein‘ Scheiß!“

„Zwischen denken und machen ist ein Unterschied.“

„Das darfst du aber nicht mal denken.“

Er seufzte. „Manchmal habe ich keine Lust zu zählen. Auf ewig Graf Zahl – nein danke!“

„Aber das bringt’s doch auch nicht.“ Es klang kalt, in Wirklichkeit hätte ich gern eine dieser Umarmungen gehabt, die wir uns da oben manchmal gaben. Diese Umarmungen waren für mich der sicherste Ort der Welt.

Er zuckte die Schultern. „Wer weiß.“

„Du bist ein Idiot!“

„Ich hab den Tod des Lebens gesehen.“

Ehrlicher ging es nicht.

„Und ein Egoistenschwein dazu. Was ist denn mit den anderen?“

„Wem?“

„Ich, Christoph, Dominik, was weiß ich.“

„Schon klar, Barbara.“

„Nenn mich nicht Barbara.“

„Lass es!“

„Was wäre denn mit uns?“

„Jeder Mensch ist ersetzbar.“

„Red kein Blech.“

Er sah nach unten. Zwei LKW, ein Reisebus, ein Audi, zwei VW. „Du verstehst mich nicht. Gerade du. Ist vielleicht auch kein Wunder.“ Dann stand er wieder aufrecht.

Ich sah es nur von der Seite, aber in seinem Gesicht stand, der Moment war vorbei.

Die Umarmung war der sicherste Ort der Welt.

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