An der Tür steht Frau Müller und fragt ob Gesine vielleicht für die nächsten zwei Tage die Zeitung aus ihrem Briefkasten holen kann. Bitte, denn sie müsse dringend verreisen. In ein paar Stunden käme die Enkeltochter von der Arbeit und hole sie ab, dann fahre man nach Reinbek, das ist in der Nähe von Hamburg.

Gesine weiß, dass Frau Müller dort Familie hat. Das Grab von Frau Müllers verstorbener Tochter liegt auch dort und in Frau Müllers Küche hängt eine Fotografie dieser Tochter, der Angela, mit ihrer Mutter in der Küche, die auf der Aufnahme schon genau so aussah. Dass die Tochter gestorben ist, ist jetzt fast neun Jahre her. Ganz plötzlich, von jetzt auf gleich alles vorbei. Frau Müller trauert immer noch. Im Wohnzimmer steht eine große Portraitaufnahme von Angela zusammen mit der anderen Tochter, Elke, von vor etwa zehn Jahren. Elke sieht noch immer nicht anders aus. Sie kommt zweimal am Tag und unterstützt ihre Mutter. Mit 94 geht das ein oder andere nicht mehr.

Frau Müller sagt, dass ihr Bruder, der Heinrich, gestorben ist. Sie und Elke und die Enkeltochter, die Claudia, fahren zur Trauerfeier. Wenn man sich schon nicht ein letztes Mal in echt sehen konnte, dann will sie ihm diesen Respekt noch erweisen.

Für Gesine sind das leere Worte. Vielleicht sind sie auch lehr, weil sie reichen um nach dem Gespräch hinter der verschlossenen Tür ihrer Wohnung stehen zu bleiben und sich klar zu werden, dass sie das alles nicht verstehen kann. Wie kann so eine Verbindung entstehen? War das der Krieg oder war das die Flucht, von der Frau Müller sonst häufig erzählt? Ihr als Kind von im fetten Wirtschaftswunder aufgewachsenen Eltern war so was nie widerfahren. Wenn bei ihr in der Familie jemand starb, wurde der verbrannt und kam weg, anonym und für immer, für Trauer gab es keinen Raum.

Vielleicht musste man die aufbrauchen so lange keiner tot war, weil deren Raum ein vereistes, weites Feld ist.

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