Weißt du noch als wir noch etwas Eigenes hatten? Als wir noch in die Seitenstraßen schleichen und kritisch beäugt werden mussten? Erinnerst du dich an das Gefühl, das wir heimlich und still nach dem Geschaffthaben hatten?

Weißt du noch, dass es etwas gab für das uns niemand bewunderte und auf das wir deshalb stolz waren? Und wie froh wir waren über dieses Anderssein? Erinnerst du dich an die Zeit ohne Medium mit Verbündeten, die sich Toleranz auf ihre Fahnen schrieben und in Wirklichkeit das Wort nur entblößen, weil sie es selbst nicht begreifen?

Erinnerst du dich an die Utopie und das „Was wäre wenn…“ und was das für ein Glück war, weil wir doch etwas Eigenes hatten. Weißt du noch wir sehr wir uns quälen mussten, jeden Tag und jede Stunde und wie sehr wir verstanden werden wollten?

 

An einer Hauswand in Jonathans Traum stand ein Gedicht. Es war ein Haus in einer seltsamen Gegend, aber in der Nähe der großen Sparkasse, so dass er sich noch orientieren konnte. In der Nähe des Diakonie-Ladens und des Sexkinos, das in Wirklichkeit ein Erotic Store war. Seine Freunde, voran die Mädchen, sagten, solche Läden musste es geben, sonst gäbe es noch mehr Sexualdelikte. Bloß hatte das eine mit dem anderen nichts zu tun.

Er war sich sicher, das Haus gab es wirklich. Vielleicht war es das hinter der Plakatwand und jetzt im Sommer konnte er auf die Seite mit der Schrift wegen der blühenden Bäume nicht sehen. Nur das Gedicht wäre nicht echt. Dort sprühte keiner Graffiti. Heute nicht mehr, es war zu nah an der Sparkasse, da hielt man es sauber.

Im Regen hatte er sich verlaufen. Er konnte das große Sparkassen-Gebäude noch sehen und er hörte den Verkehr von der Hauptstraße, weshalb er wusste wie weit er abgekommen war, aber er erkannte die Straßennamen nicht. Ein Hotel, eine Immobilienfirma, ein Umzugsunternehmen, aber keine Leute. Es wäre leicht gewesen zur Hauptstraße zu gehen und von da aus zurück auf die Einkaufsstraße, zurück zur Sparkasse und von da aus den Weg noch einmal von vorne. Aber da kam ein junger Mann von der anderen Straßenseite zu ihm rüber, lediglich ein bisschen älter als er selbst.

Jonathan sprach ihn an: „Du, Entschuldigung, ich habe mich verlaufen. Ich suche….“
Ja, was eigentlich?

Einen Ort, den kein Navi kennen konnte. Einen Ort, den keine App mehr kannte. Das Gedicht in Jonathans Traum hatte es nicht gegeben, aber im Erdgeschoss eines Hauses in der Nähe des CVJM war ein Gay Store gewesen, wenn man genau hinsah, erkannte man auf den Stufen noch die Regenbogenflagge. Jonathan wusste nicht was die bedeutete, er hatte nur einmal eine Frau mit einem Anstecker am Rucksack gesehen, vor langer Zeit als er noch Kind war. Er hatte die Anstecknadel schön gefunden, aber er konnte sich auf den Teufel nicht erinnern wie die Frau ausgesehen hatte, nur daran, dass sie lange Haare gehabt hatte.

„Die waren ganz ruhig“, sagte ein Mann. „Du konntest Sachen kaufen, auch Spartacus und Gummis, aber es gab kein Hinterzimmer und es kamen kaum Tunten. Das waren Männer, einige von denen hatten Kindersitze im Auto.“

Weißt du noch als wir noch etwas Eigenes hatten? Als wir noch in die Seitenstraßen schleichen und kritisch beäugt werden mussten?

Das hämmerte im Kopf wie ein altes Lied.

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Eine Schüssel mit Quark ist ein gutes Frühstück. Gut und wertvoll in der Zeit der Matratzen in den großen Hallen, wenn nur der, der den Quark hat überblickt wer mit wem, worauf, worüber und worunter.

Tobias ist so einer. In der Zehrung der Dämmerung, die Erschöpfung noch ganz tief im Körper hat er den Quark und die Schüssel und kann damit verfügen. So eine Schüssel ist Macht in einem Haus voller Schläfer. Sie ist erhaben über die winzigen Gläser und die langhalsigen Flaschen, allein weil ihre Form breiter ist. An ihr geht so schnell nichts vorbei. Nicht wenn es ehrlich ist. Wahrhaftig und rein bis in die ersten Schritte und das Toilettengeräusch.

Da draußen läuten die Kirchenglocken. Sie sind das Zeichen, dass die Nacht vorbei ist.

Der Nebel in der Frühe und das Leuchten am Tag und die Wolken der Nacht sind Atem, so wie das Leben der Morgensonne angehängt ist, weil es ohne dieses Moment an seinem Platz im Laufe der Minuten nicht sein kann. Scheint es. Man muss defragmentieren was an sich ein Fragment ist. Trotz dem Strom, der da durch fließt, denn er ist ein Fluss und ein Meer zu gleich. Er kann tragen und töten, er kennt Boote und Flöße, aber die Brücken sind Schönschein. Fata Morgana, wie es in anderem Sinn heißt. Ihre Fallen sind sichtbar und so auch ihr Fallen, aber die Angezogenen fallen immer wieder auf sie herein, weil nur die Uferlosen immer wieder noch mal vermuten, ein einziges Mal könnte es anders sein.


Morgengedanken, dieses Mal nur pseudo-fiktiv, für textstaubs abc.etüden.

[Pseudo-fiktiv, denn wenn Sie genau lesen, dann wissen Sie möglicherweise was das mit mir zu tun hat. Das Schlüsselwort ist da.]

Morgens zieht die Zwischenwelt die Schokolade hoch und isst einen Pudding mit Rolladengeschmack zum Kaffee. In den Kaffee kippt sie die Tasse und dazu noch die Zeitung, bevor sie in der Milch liest. Wenn der Tag schlecht begonnen hat weil die Lärme kindern hat sie keine Haarwäsche zur Zeit, nur eine Eile zur Dusche bevor das Haus aus dem Nachwuchs muss. Manchmal ist dann so viel ruhe und kriechen, dass in den Büchern die ein oder andere Schultasche fehlt. Wenn der Tag jedoch gut anfing, zählt das alles nicht, denn die Ruhen sind kindig und man ruht im Essen. Dann trinkt man auch Hitze im Kaba und isst Brot auf dem Müsli.

Irgendwo zwischen der Brücke und der großen Kreuzung verliebte sich Hedwig in ein Graffiti. Graue Schrift auf roter Wand, viel schöner als langweilig andersrum. Und der Satz erst Wer hat uns denn Straßen aus Zucker und Bücher aus Schockolade versprochen? Wäre es nicht um das c gewesen, hätte sie sich beinahe gefragt, warum sie solche Leute mal Schmierfinken gefunden hatte. Das waren doch richtige Poeten, sie hatte nur nicht die Augen geöffnet. Früher hatte es doch Keine Macht für Niemand und Rebellion ist gerechtfertigt gegeben und eigentlich… irgendwie hatten diese Leute doch Recht gehabt. Wenn man immer brav wartete und Geduld hatte, passierte gar nichts, das sah man doch an den jungen Menschen heute. Heimchen am Herd war vielen wieder ein Ideal, Emanzipation war vorher noch ein Studium machen zu dürfen. Aber was war mit denen, die das nicht konnten? Den Hedwigs dieser Welt, die ihr Leben lang für genau solche malocht hatten und nun als Rentner in winzigen Wohnungen am Stadtrand vegetierten.


 

Noch was für die abc.etüden von textstaub.

Tegretal ist Carbamazepin und Carbamazepin ist eine blöde Drecksau, bei der Geduld in etwa so viel nützt wie gutes Zureden. Das dauert, Herr Büchner, Sie gewöhnen sich dran hatten die ihm auch beim vierten Mal gesagt, als er am Wochenende wegen der Nebenwirkungen vollgekotzt in der Notfallpraxis saß. Wenigstens war er jetzt nicht mehr Frau Bücher. „Marion Bücher“ stand auf der Karteikarte, das hatte er trotz der Sehstörungen durch das Scheißzeug noch jedes Mal erkannt. Als ob Marian Büchner zu viel verlangt wäre, verdammt noch mal, so kompliziert war der Name doch echt nicht! Und dann kamen die ihm auch noch doof, weil er mit dem Auto hin gefahren war. Soll man nicht auf Antikonvulsiva, ja ja – Leckt mich doch alle! dachte er dabei -, aber er war ja kein Epileptiker, Marian hatte einen Schlaganfall gehabt und beim Warten auf Reha ging das Leben eben weiter, Kind muss in die Kita, Mensch muss aus dem Bett kommen, Tegretal hin oder her. Wegen dem Scheißzeug ging es ihm erst dreckig. Nichts ging mehr, ihm wurde seit er das Zeug bekam schon schlecht, wenn Elsa morgens auf dem Weg ein Stück Schokolade aß, weil er jetzt alles für drei roch. Dazu halt das Dauergekotze, das Vertiko – halt: der Vertigo, jetzt schlug ihm die Scheiße schon aufs Gehirn! – und das schlechte Sehen, was sollte das noch werden?!


 

Für die abc.etüden von textstaub aus dem Leben gegriffen und zu Fiktion gewoben. Carbamazepin ist ein (auch in der Schmerztherapie angewandtes) Arschloch und nein, es ist nicht toll, nur weil Ian Curtis das auch bekommen hat.

Mein Ex-Kommilitone D. hatte während der Umschulung zwei von den Ärzten als Spannungskopfschmerz abgetane Apoplexe, nach dem dritten, als erstmals seinem Drängen auf ein MRT – er war vorher examinierter Krankenpfleger, konnte seine Befürchtung also nicht nur artikulieren sondern auch begründen – nachgegeben wurde, gaben sie ihm Antikonvulsiva. Das Familienleben – vier Kinder, die Frau arbeitete Vollzeit – musste dennoch weitergehen. Mit Nebenwirkungen.

Doppelfenster und ein großes Betttuch an der Autobahn. Man könnte sagen, wir haben es nicht anders gewollt, aber wir sind froh, dass wir leben und an einem Ort wie diesem kehrt wohl die Ruhe ein, sucht uns allerdings die unaushaltbare Stille nicht heim. Sie ist nicht Komplizin vom Hämmern im Kopf, sie ist keine Sanfte, sie ist der Tod. Deshalb ist es gut, dass hier Platz ist, da irrt sie zwischen allem umher und verliert sich in Topf oder Teekanne. Kaffee ist an diesem Ort trotz alledem nicht zu trinken, denn wir hatten den Kuchen weil das Brot alle war.

Die Königin, also die Frau von Julius König, hieß überall nur genau so: Die Königin und egal wer gefragt wurde sagte „Ich weiß gar nicht wie die mit Vornamen heißt.“

Man wusste so gerade, für ihn war diese Frau schon immer seine Prinzessin, und dass die ihn vor irgendwas gerettet hatte – Backerbsen oder so was, da war was mit Märchen und großen Lügen -, aber nicht so genau was, weil Herr König und seine Frau Königin nicht annähernd aussahen wie man sich Menschen, die getan haben wollen, was die zwei von sich sagten vorstellte.

Oft, wenn Julius ein Weinchen oder den Aperitif ablehnte und sagte warum bekam er ein erstauntes „Was? DU DOCH NICHT!“ zurück. Die Sager meinten es wohl, aber Julius fühlte sich unwohl. Das war wie verlacht werden, nicht ernst genommen, keinen Respekt bekommen für sich als Mensch und vor dem was er mitgemacht hatte. Vor allem dann, wenn er plötzlich im Mittelpunkt stand.

Manchmal sah er dann zu seiner Königin und es dauerte Millisekunden bis sie verstand und man sich zum Aufbruch entschied. Letztens bei Ederers hatte sie sich beim Mantelanziehen noch einmal zum Raum mit der Gesellschaft umgedreht und über die Schulter gerufen: „Nächstes Thema, ihr Schwätzer: Korallenriff!“


Für textstaubs abc.etüden.

Dieses „Was? DU DOCH NICHT!“ kennen viele trockene Alkoholiker. Die meisten, die mir begegnet sind empfinden das so wie Julius König. Gruß an H., P., D., E., R., und T.

Du hast mich gefragt was ich will. Einen Telefonhörer will ich, damit ich ihn aufknallen kann! K E R R I N, nicht Karin, nicht Kerstin oder Christine und erstrecht keine verunstaltete Karen! Ist mir schon klar, dass nicht viele Leute so heißen, aber es kann doch nicht so schwer sein, mein Gott!

„Hat euer Zoo eigentlich keine Seehunde?“

Die Frage hallte im Raum und meinte mit euer die Stadt, nicht den gerade aus der Leitung gedrückten Sachbearbeiter. So hieß doch ein Seehundmädchen in dem Buch, das ihr Bruder als Kind gehabt hatte. Kannte das eigentlich keiner? Robbi die Robbe am Wattenmeer oder so ähnlich. Nicht Robbi mit Tobbi und Flittertüt, so ähnlich wie Filtertüte, Fliewatüt, sondern Robbi als Robbe, da hatte ihr Bruder den Namen her.

„Habt ihr hier eigentlich einen Zoo?“

Es hallte wider.

Der Affe im Zoo, aber die Nacht ohne Bleibe. In der Bahnhofshalle versuchten es nur die Naiven, die Zeiten waren längst vorbei und dieser Zirkus in der Notschlafstelle, da kriegte man doch kein Auge zu, weil die einem alles unterm Arsch wegstahlen. Druckraum ging auch nicht, da war ab 22 Uhr dicht. Wer hatte eine Karte für welche Tür, wo hatten sie keine Kameras oder gute Leute… Aber es dachte doch jeder nur an sich selber. Das Scheißzeug, na klar, aber… Die andere Möglichkeit war erstrecht ätzend.

Wie hieß denn gleich dieser Typ mit dem Moped? Der kam auch auf die Platte und kannte doch Hinz und Kunz.

In dem Moment ging die Durchsage Auf Gleis Eins erhält Einfahrt… nach Prag…


 

Aus dem Gedächtnis nach Erzählungen diverser Menschen für die abc.etüden von textstaub. Auch Mitschüler von mir fanden sich bald nach der Mittleren Reife in der Statistik.