Schmutzigweiß ein paar Minuten, sonst die Stunden in grau und dann blauer Morgen in lila in den Tag zum Grau oder Hellblau, fallend hinein in rot. Lila und blau und violette Kissen, da wo tagsüber Seen sind.

So ein Tag ist eine seltsame Sache.

Advertisements

Hinter dem Spiegel im Bad klemmt eine Ansichtskarte aus der Kiste, die Anke aus dem Haus ihres verstorbenen Vaters bekommen hat. Eine Karte aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, geschrieben zu der Zeit als der Wind sich drehte für Leute, die so träumten wie ihr Vater. Zu der Zeit, in der er ins Tagebuch geschrieben hat, es wäre leichter Hand an sich zu legen als immer in Angst zu leben, vor allem Angst davor, dass er die Hand gegen Michael heben würde, weil die Wut und der Abscheu vor sich selbst ihn blind und rasend machte. Als sie das Buch gelesen hatte, musste Anke oft schlucken und auch bei dem Buch, das sonst noch in der Kiste lag. Abgegriffen und mit Wasserflecken, vielleicht hatte der Kartenschreiber es von der Reise mitgebracht, als Abschreckung, damit ihr Vater nicht weiter träumen würde. Das Lesezeichen war ein Zeitungsartikel mit dem Foto des Mannes, der Schuld war. Ein Steward (ausgerechnet!), der harmlos aussah und dazu Haare wie Gold hatte. Blöde, perverse Sau! hatte Anke damals beim Lesen gedacht und war froh und dankbar gewesen, dass ihr Vater in Deutschland immer nur geträumt hatte. Später hatte sie im Netz gelesen, dass auch der Mann etwas geträumt hatte und zudem falsch beschuldigt wurde, weil das Virus lange vor ihm da war. Jetzt wo ihr Vater tot ist, fragt sie sich, glaubt die Familie dieses Mannes noch an Träume nach dem jahrelangen Albtraum?!

 


Für die abc.etüden von textstaub.

Anmerkung: Durch einen Fehler beim Bearbeiten medizinischer Unterlagen wurde Gaëtan Dugas (verstorben 1984) aus Kanada jahrzehntelang als Auslöser für die Ausbreitung von HIV in den USA dargestellt. Dugas hatte nach seiner eigenen Diagnose der AIDS-Forschung in Kalifornien mit Angaben helfen wollen und auf seiner Akte stand aufgrund seiner Herkunft der Buchstabe O für „outside of California“. Durch einen Lese- und Transkriptionsfehler wurde daraus die Ziffer 0 und Dugas folglich als der sogenannte Patient Zero, der Krankheitsfall, von dem die weitere Verbreitung ausging, bezeichnet. Das ist mittlerweile widerlegt. [Englischsprachige Wikipedia zu Monsieur Dugas.]

Der Autor Randy Shilts verfasste 1987 ein Buch namens And The Band Played On, in dem er Dugas als bewusst und willentlich das Virus verbreitend darstellt. Verweise auf Randy Shilts und sein Buch im verlinkten Wikipedia-Artikel.

 

Janina hatte sich ein Schild gemalt HEUTE RUHETAG und es an ihre Wand gehangen. Sie stellte sich vor, dass die Kinder, ihre Nichten und ihr Neffe, kommen und lachen würden „Tante Jani macht Wellness!“ und hob die Hände um das Schild sofort wieder zu zerreißen. Wellness, Vintage, Shabby Chic… bruh… Das waren für sie Menschen, die nicht ihre Sorgen hatten. Ihre Mutter hatte sich das Haus immer immer mit allem möglichen Kleinkram vollgestellt, damit bloß keiner dächte, da stimmt was nicht und das Leben war so tot wie in einer Puppenstube. Es machte ihr Angst wenn sie die Mädchen mit ihrem Spielzeug sah, mit diesen Mädchensachen aus Lego, wo niemals etwas anderes passierte was ewiges Reiten, Schönheitssalon und Eisdiele. Wenn sie mitspielen sollte bekam sie zitternde Finger und musste sich im Klo einschließen. Nicht dass Jennifer das störte.

Manchmal blieb das so lange bei ihr, dass sie es noch Tage später im Körper hatte. Dann musste sie arbeiten um wieder zu sich zu kommen. Ohne Pause bis sie nur noch auf dem Sofa zusammenbrechen konnte.

Christian hatte ihr gesagt „Du spinnst.“ und du „Machst es kaputt und du merkst es nicht.“

Janina hatte gesagt „Ja, ja, gut“, aber nur halbbewusst, denn in diesem Moment hatte sie klar gesehen. Ihrer Mutter hatte sie nicht helfen können, die Forderungen dazu waren so unausgesprochen wie paradox und doppeldeutig. Sie konnte nicht die sein, die diese Frau aus ihrer Neurose holte Wenn du nur… hin oder her. Deshalb versuchte sie es unbewusst mit Jennifer und den Kindern, damit nie wieder jemand in dieser Familie so werden würde. Damit sich nie wieder jemand schämen müsste so jemanden in der Familie zu haben ohne den Grund für diese Scham zu kennen. Das schien alles so einfach. Auf die Kinder konnte man Einfluss nehmen und Jennifer hatte dafür die Verantwortung.

„Aber du nicht für Jennifer!“ hatte Christian gesagt als sie irgendwann deswegen gestritten hatten.

„Red nicht mit mir als wäre ich deine Mutter!“ hatte Janina gefaucht. Diese unglückliche Kuh, die sich jahrelang von einem Säufer hatte abziehen lassen.

Christian war ruhig geblieben. Wahrscheinlich sagte er innerlich diesen Spruch, den er in seinen Gruppen gelernt hatte. „Janina, komm zu dir“, hatte er noch gesagt. Dann hatte er sich umgedreht und war gegangen.

Janina war stehen geblieben und hatte sich gedacht, früher hätte sie jetzt die Haustür draußen gehört.

Da sitzt sie und sieht mich an und ich hasse diese Frau und weiß gar nicht warum. Ich weiß auch nicht warum ich sie für eine Frau halte, sie ist die Freundin meines Sohnes und mein Sohn ist mein Kind.

Ich habe gelernt, dass Kindsein vorgeht. Ich brauche es auch so, denn ich möchte auch selbst gebraucht werden und jetzt sitzt da diese Frau und macht mir meinen Anspruch streitig. Mein Kind kann Freunde haben und auch eine Freundin, weil das normal ist, so was kann man ja nicht beeinflussen, aber sie müssen mir gefallen. Weil mein Kind ein Junge ist bin ich da schon weniger skeptisch als bei einem Mädchen, die kann man ja auch abends nicht raus lassen. Jungen haben sich auch nicht so mit der Ästhetik, die machen es eher so wie man es gutheißt. Ich bin also im Ganzen zufrieden.

Nur mit dieser Frau nicht. Ich weiß gar nicht warum, sie ist leicht lenkbar und kommt mit Sicherheit nicht oft auf die Idee meinem Sohn zu widersprechen und mit der Ästhetik hört sie sicher auch auf mich. Außerdem hat sie ihr eigenes Geld und will meins nicht. Ich verwalte das Geld meines Sohnes, weil er eben doch nur ein Kind ist.

Hier auf dem Kasernenhof sind wir alle nur Narren. Hat wirklich irgendeiner von uns geglaubt, wir würden bei Ankunft mit Rosenstrauß begrüßt? So wenig wie es eine Arbeit wie jede andere ist. Ein Knopfdruck schützt nicht vor Desaster. Der ein oder andere findet auch wenn er danach nach Hause kommt das Lachen seiner Kinder so unheimlich wie die Stille.

 

Realistisch für Markus mit Schlüsselworten aus den abc.etüden von textstaub.

Es war Neid auf diese Vernarrtheit, dass die Leute behaupteten, die Frau sei zurückgeblieben. Auch das Mitleid gegenüber dem Mann war Neid. Wer sonst umarmte sich nach in Worten einundzwanzig Jahren noch mit dieser packenden Freude? Wo sonst sagte man noch „Hallo“, „Wie war dein Tag?“ und „Schön dich zu sehen“?

Lauras Eltern trugen nach fast genau so viel Zeit zwar Eheringe und gaben damit an und manchmal wenn der Ofen wirklich komplett aus war gab es auch einen Rosenstrauß, aber ansonsten fast nur noch eisige Stille. Sie wusste schon, warum sie so gern bei den Leuten am Kiosk war. Es waren weder der Kaffee noch die Süßigkeiten.


Für textstaubs abc.etüden

Die mit der Ranke auf dem Arm, von der Eva wegen dem Stoff und der Schnelligkeit in der Bewegung beim ersten Hinsehen geglaubt hatte, es sei ein Rosenstrauß.

Eva liebte nicht sie, sie liebte nur diese Ranke auf genau diesem Arm, wann immer sie daran dachte, spürte sie dieses Ziehen, aber sie wollte es ihr wenigstens sagen können.

Weil sie die Frau gar nicht kannte und weil sie überhört hatte, dass jemand in der großen Aula gesagt hatte, diese Frau sprach nicht mit Hörenden. Es war der Dolmetscher gewesen und so wie er das Wort „Hörende“ gesagt hatte war Eva sich klein vorgekommen, denn sie hatte gespürt, dass ihr etwas fehlte, das eine andere haben könnte.

Stille.

Mehr als die fünfzehn Jahre Unterschied im Alter.

In der Lexikon-App verwechselte Eva gerne die Gebärde für Narr mit der für Nonne und suchte eigentlich Holland. Jedes Mal wenn ihr das auffiel begann dieses Ziehen.


Für textstaubs abc.etüden

 

Das Geräusch ist der Klang unseres Lieblingsliedes, ganz sicher, aber es braucht das Geräusch, dass wir hier sind. Türenknallen und zerschossene Worte, Worthülsen oder doch Patronen. Und du glaubst, ich… Den Rest muss man sich denken. Bei uns gab es nie Rotwein, das war zu sehr der andere, da gibt es Wein innerhalb jeder Sauce, damit man sein Versagen vor sich selber nicht sieht, denn krank sind vor allem die anderen, nur en masse rotes Weinen. Suizidgedanken gibt es nur da wo es Liebe gibt, aber sie weiß es doch eigentlich besser. Wenn wir damit durch sind, beginnt das große Schlagen, das um sich Schlagen der Bücher, in denen steht was an mir alles falsch ist, und dass ich nur einen Schritt machen muss damit sich alles ändert, denn das Problem ist ja meins.Das Problem ist der Hohn, weil sie nie genau liest, sie kennt nicht mal die Handlungen, alles, was sie mit diesen Büchern kann ist nachladen.


Kam heute früh genau so, hat aber einen Kern in der Realität und passt zu textstaubs schreibprojekt/abc.etüden.

Morgens zwischen halb dunkel und dunkel geht der Tag nach Hause. Dann wird es hell und die Nacht bricht herein, diese Zeit in der alles außer den Menschen in den Schlaf fällt und immer dasselbe ist, weil es die Welt so bestimmt hat. Das sagt man doch so: Gott und die Welt. Der erste ist Glauben, die zweite ist Wissen. Wissen bedeutet etwas, das man weiß und das Weiße ist immer das reine und gute. Auch dann, wenn gegen Abend der Tag zurückkommt und sich nicht im Spiegel findet.

Nichts war wie es sein kann und nichts kann sein wie es war. Wenn ein Fremder durch den Türbogen über dem diese Schrift steht tritt, dann findet er sich in einem imaginiertem Aquarium, einem wasserdichten Tank ohne Flüssigkeit oder einem Getreidesilo ohne Getreide, für die Fremden im Dorf ist das immer so, denn im Dorf gibt es den Himmel nur ohne Wolken und den Mund nur ohne Poesie, aber die Finger nicht ohne freundliche Bezeichnungen. Man schlägt mit der Zeitung, damit man es demnächst besser weiß, und das ist gut, dann wird man nicht handscheu so wie die Städter, bei denen jeder für sich, aber doch ohne Individualität ist und dadurch mit so großer Feigheit geschlagen, dass man den Schutz der Gemeinschaft nicht mal zugeben will. Wenn diese Mamikinder den Schoß und den Rockzipfel einmal verlassen und sich womöglich im Dunkeln im Dorf verirren, erleben diese Knickleuchter ihr blaues Wunder.