Noch während der Dozent die Klausurbögen verteilte zuckte Luise zusammen. „Jetzt können Sie gebrauchen, was Sie gelernt haben“, hatte er gesagt.

Brauchen was Sie gelernt haben… brauchen… gelernt… Das ratterte in Luises Kopf. Die anderen lasen wenigstens die Fragen, aber in ihr gab es nur dieses Rattern. Wahrscheinlich während sie reglos nach vorne starrte. Nichtmal scämen konnte sie sich und als vermeindlich ältere Dame um die fünfzig, die schon ihre Marie von der Marieluise and die junge Marie-Louisa gelassen hatte um sich nicht lächerlich zu machen war sie sowieso immer auf der Hut. In dem Alter noch umschulen… Sie hatte das Gefühl, die lachten über sie. Und sie wusste es selbst. Best Ager – von wegen! Es ging nur um die Scheißstatistik, mehr nicht.

Brauchen… gelernt haben… brauchen…

Luise erkannte die Buchstaben nicht. Die Therapeutin hatte gesagt, das nannte man beginnenden Flashback oder… Da war doch jetzt auch wieder was ver… gelernt haben… brauchen…

Die Hand, die irgendetwas, von dem Luise kein Wort entziffern konnte aufschrieb fühlte sich an wie abgetrennt. Und wer da streng „Marieluise!“ durch den Raum brüllte meinte nicht sie. Brüllen, das war das richtige Wort. Wie auf dem Kasernenhof. Das Mädchen, das Luise plötzlich im Kopf hatte war mal auf der Straße von einer Nachbarin angesprochen worden, Anfang der siebziger Jahre, ob ihre Mutter wohl gerne Feldwebel bei der Armee geworden wäre. Was die Armee war wusste das Mädchen nicht. Erst drei Monate später, als ausgerechnet der Armin da hinmusste, Wehrdienst machen. Der Bernd fuhr auch weg, aber der arbeitete jetzt im Altenheim. Kriegsdienstverweigerer nannte man das, aber das Mädchen dachte damals nicht darüber nach was Feldwebel, Armee oder Wehrdienst war oder wieso man Kriegsdienst verweigern musste, es war doch friedlich. gelernt haben… brauchen…

Luises Hand schrieb immer noch, ohne dass Luise wusste was.

An einem Tag nach der Sache mit der Nachbarin und dem Kasernenhof wurde das Mädchen geohrfeigt. Das Mädchen konnte überhaupt nichts dafür. Die Mutter hatte es in den Kleinladen zum Einholen geschickt, weil der Großvater mittags zu Besuch kam. Der aß gern Buttercremetorte und Fisch. Den Fisch hatte die Mutter auf dem Markt gekauft, die Torte sollte das Mädchen holen. But- ter-creme-torte schäfte die Mutter ihr ein, als ob das Mädchen schwer von Begriff wäre. „But-ter-crem-torte, Marieluise, hast du verstanden?“

Das Mädchen hatte sehr genau verstanden und sagte das Wort auf dem Weg zum Laden vorsichtshalber immer wieder leise vor sich hin, aber der Mann hinter der Theke sah sie verständnislos an.

„Torte?“

„Ja, Torte.“

„So was habe ich nicht. Meinst du wirklich keinen Butterkuchen?“

„Buttercremetorte. Das muss es sein, sonst gar nichts hat meine Mutter gesagt.“ Das hatte sie wirklich.

„Butterkuchen?“ Der Mann zeigte auf eine Auslage.

„Nein, Torte!“

„Gibt es nicht.“

„Wenn Sie keine haben, dann brauche ich nichts.“

Auf dem Weg nach Hause hatte das Mädchen den Thomas und die Gabi getroffen. Von der Gabi sollte sie sich fernhalten, denn die war komisch. Die tauschte nie Glanzbilder mit den Mädchen, die spielte Bilderstechen mit den Jungs. An dem Tag hatte sie ein besonderes Bild für ihre Schiffesammlung vom Jens gewonnen und zeigte dem Thomas gerade das Schiffsdeck. Das Mädchen beachtete sie nicht.

gelernt haben… brauchen…

Zu Hause war die Mutter wütend. „Wie gibt es nicht? Hat er nicht? Dann hast du nicht richtig gefragt!“

Noch während sich das Mädchen die Wange hielt hatte die Mutter sich angezogen. „Wenn man nicht alles selber macht… Wozu habe ich eigentlich Kinder…“

…brauchen… gelernt haben…

Als sie zurückkam tat sie so als wäre nichts gewesen, räumte aber die Kuchenteller wieder ein. Sie kicherte sogar. „Gibt’s doch gar nicht… Hat er nicht… Kannst du dir das vorstellen, Marieluise? Der kennt keine Buttercremetorte! Das gibt es doch nicht…“ gelernt haben… brauchen…

Luises Hand schrieb noch immer. Aus dem Augenwinkel sah sie wie die ersten abgaben. Einer der Männer und Marie-Louisa.


 

Spontan gekommen nach Anregungen von Jutta Reichelts Geschichtengenerator.

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Weißt du noch wie das war mit den Sternen, der Sonne und dem Mond, damals mit Nachtlicht? Was ist das für ein Wort, wer, wen oder was außer ein blaues Pferd soll das darstellen? Blaue Pferde sind etwas sehr deutsches, so wie gelbe oder orangefarbene Kühe. Naturell hin zu Form, weil die Natur des Menschen sich entweder Bahn bricht oder aber die Form alles was Natur und Naturell war zerstört. Auch die Kalkwände und letztlich die Spielprinzen, wenn auch die später und andererorts. Da hatten die Pferde längst gelitten und Heimkehr war auch nicht mehr was sie mal war, weil das Heim, in das man zu kommen hoffte nicht der in Wahrheit versprochene Ort war. Nur einer mit noch mehr Leiden, so dass irgendwann auch die blauesten der Pferde als verschollen gelten müssen.

Der Sommer kommt und wann haben wir zuletzt mit dem Rücken an der Mauer gesessen. In der Hitze des Staubs und mit dem Sand aus dem Kasten im Haar, den wir uns nachts von der Kopfhaut auf die Kissen kratzten und uns wunderten, weil wir dem Spielplatz doch gar nicht nah waren. Wann saßen wir so zuletzt auf dem Boden. Das war am Brunnen, oder nicht. Jemand spielte Ärzte-Lieder auf der Gitarre und wir saßen still und waren in awe weil er nur nach Gehör spielte. Jemand dachte an eine verlorene Liebe. Jemand fragte sich, wie man eine Liebe verlieren konnte. Und jemand anderes war indifferent. Man sprach nicht, dass Liebe schwierig war. Bedingungen, Wenn…, dann…, Hörigkeit, Eingeengtsein. Das sagte man nie. Wann war das zuletzt mit den Schnitzeln, die so groß waren, dass sie zwei Teller brauchten. Wann war die unzuverlässige Regelmäßigkeit. Im Bauch des Wals war sogar Rossi lustig und Merlin schön, aber düster. Wann und vor allem wer war Talbot. Wann waren die Gänge und was sollten die Schaufeln. Nicht damals als wir zuletzt mit dem Rücken an der Mauer gesessen haben. Nicht in der Hitze des Staubs mit dem Sand aus dem Kasten im Haar, den wir uns nachts von der Kopfhaut auf die Kissen kratzten und uns wunderten, weil wir dem Spielplatz doch gar nicht nah waren.

Es geht schon an, dass manchmal eine einzelne Straße über gut oder schlecht entscheidet. Und es geht an, dass es Straßenseiten gibt, von denen eine begehbar und die andere gefährlich ist. Die mit dem McDonald’s gegenüber der Post ist so eine, denn der Bahnhof, an dem sie mit diesem McDonald’s endet soll zeitweise ärger gewesen sein als der Bahnhof Zoo in Berlin. Auf der Platte, die in Wirklichkeit Freiheit heißt, und an der dauernd durchgängig Verkehr ist wegen der Rolltreppen wird gedealt und auf der anderen Bahnhofseite vor dem McDonald’s laufen die schlimmsten Dinger. Das weiß jeder genau. Vor dem Kaufhaus, das früher mal Horten war lungert es, im Vorraum der Postfiliale daneben schlafen nachts die Junkies, für die es keine Plätze in den Schlafstellen oder bei Freiern gibt. Einige campen auch im nahegelegenen Park, auch dort gibt es Drogen.

Vor der Postfiliale stehen drei Frauen, das Pärchen ist alkoholisiert und die jüngere ratlos, Streetworkerin will sie werden, aber sie ist das Kind von genau solchen und die haben keine Werkzeuge dazu, obwohl sie gerade nichts anderes gelernt haben.

Man diskutiert über die Frauen in der Essensausgabe, die Spielsüchtige und die Schizophrene, die die Userinnen hasst und fragt sich ob die Christiane F. noch lebt. Das Buch kennt doch wahrscheinlich jeder, aber der Film zieht das alles in den Dreck ist man einig. Worüber man nicht spricht sind die Liste mit den Autokennzeichen und die Ohnmacht den Frauen gegenüber, die die Kennzeichen zufügen. Die Trinkerinnen verstehen nicht warum die Userinnen Angst haben zur Polizei zu gehen. Überhaupt dieses Leben… Man schenkt sich hier nichts.

Aber gehe niemals, nie auf die andere Straßenseite…

Der Baukran, der den Sommer über hier gestanden hatte war schneller verschwunden als das Haus, das vorher hier gestanden hatte. Innerhalb von ein paar Stunden war er weg, Viola hatte es gar nicht bemerkt, weil sie mit dem Rücken zum Fenster gesessen hatte. Das Haus hatte länger gedauert, vielleicht eine Woche oder zwei. Jetzt stand dort ein gekippter Quader mit Fenstern vom Boden bis zur Decke, der im nächsten Jahr fertig und teuer vermietet werden würde. Viola mochte große Fenster, aber sie fragte sich welchen Gewinn es für die Leute hatte, dass jeder den ganzen Tag hindurch hinein sehen konnte. Menschen mit solchen Fenstern hatten in diesem Viertel keine Gardinen, die wollten Glashäuser. Auch sonst schlossen in letzter Zeit Menschen eher die Rolladen als sich Vorhänge zu nehmen. Was war das für eine Form von Abgrenzung, machte man sich dadurch nicht eher verwundbar und ließ es drauf ankommen? Wenn es so weit war, hatte es niemand kommen sehen und man schrie nach Schützen. Hatte so was nicht anderswo einen Namen? In den großen Städten hieß das doch Gentrifizierung, oder?!

Zwischen Du und Sie gab es keinen Unterschied, weil wir alle einig sein sollten, einig und eins, wenn wir schon nicht sein wollten. Einig und eins und vorhersehbar alle dasselbe. Weil die einigen sich aber gerade deshalb einzeln fühlten, sollte das Du eine Gemeinschaft suggerieren. So wie Du und Ich in einem Desaster, in dem es nicht zwei, sondern nur Zwei-als-Eins geben durfte um als Beziehung zu gelten. Das war was alle wollten und doch wieder nicht. Vereinzelt gab es Gegenstimmen. Aber das, was hätte sein sollen, zwei unabhängig neben einander, sprachen auch die nicht an, ein ICH und DU schienen auch die Vereinzelten nicht mehr zu kennen. Damit wirkten sie so verzweifelt.

Was waren die Gespräche im Park unter Bäumen einst lehrreich, heute in dem Trubel der Kaffeeshops reichen sie nur noch für Leere.

Hinter dem Eis war eine Figur. In das Glas gefressen und ungesehen, nach so viel Jahren in der Wohnung zum ersten Mal bemerkt. Vielleicht weil zum ersten Mal Frost war. Schnee und Eis hatte es gegeben im ersten Jahr, aber da war alles noch so neu und die Fenster dichter. Jetzt unter dem Kondenswasser wurden die Umrisse sichtbar. Eine Biene, vielleicht aus Window Color und vielleicht nicht vom Vormieter, sondern von der Mieterin davor übrig geblieben, der alten Dame, die ins Heim gemusst hatte und von der alle noch sprachen. Beim Einzug waren noch Mitgliederzeitungen einer Seniorengruppe gefunden worden, die der Vormieter nicht entdeckt hatte. So ähnlich konnte sich wohl über Jahre hinweg das Insekt verstecken. Verschwinden und durch die Präsenz in der Scheibe gleichzeitig noch da sein in diesem alten Haus. Der letzte Rest von früher, einer Zeit, die es nie gab.