Dort wo Marina hinkam war ihr alles fremd. Noch nicht mal das Gefühl des Verkehrtsein war ihr mehr vertraut, denn alles, was man ihr darüber gesagt hatte galt hier nicht mehr. Was man ihr über die Menschen, die so sein sollten gesagt hatte. Das war so deutlich spürbar, dass sie sich an diesem vierten Tag nicht fragen konnte wer ihr gesagt hatte wie diese Menschen sein sollten. Und das wer ihr das gesagt hatte überhaupt keine Ahnung hatte. Sie dachte nicht an die Frage Wer glaubst du, dass du bist? Sie sah nur, dass hier viele wie sie waren. So wie sie war und wie sie von innen her wusste, dass sie richtig war, wie ihr aber andere sagten, dass sie falsch war. Andere, die keine Ahnung hatten, weil sie im Leugnen festhingen ohne zu wissen, dass sie leugneten. Die nur darauf warteten morgens aufzuwachen und zu sehen, dass Marina nicht mehr Marina war.

Wenn Marina an so etwas dachte, spürte sie die Wut. Und die Wut machte sie unreif. Das hatten die Gutachter gesagt. Marina hatte sich dafür geschämt und es fehlte der Abgleich, denn sie wusste genau, dass sie reif war verglichen mit denen, die schon ein Vierteljahrhundert über sie urteilten. In der Scham merkte sie, wie die jedes Wort logen und immer gelogen hatten. Dumme infantile Bälger, die sich für erhaben hielten. Das kannten sicher hier viele. Diese Abgrenzung, die man machen musste. Zwischen sich und denen um die Reife zu bekommen. Marina beneidete die, die sie umgaben, aber sie war allein in ihrem Neid. Sie fühlte sich so als würde das große Haus sie erdrücken, kam sich dumm vor, weil sie das mit dem Fahrstuhl gewusst hatte und nicht zu dem blauen Turm gehörte.

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Zehn Minuten Strom in Erinnerung an die ersten Campustage 2006 mit Karoline, Cristina, Judith, Stefanie, Angie und Sofia. Irgendeine von uns war bestimmt Marina.

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