die zweifel sind das eine wert und das gegenteil das andere. um der definition halber weiß Astrid aber nicht so genau was das gegenteil ist. ihr gefällt das „ um der definition halber“, eine definition von etwas ist wie eine norm und aus einer norm heraus entsteht sicherheit, so unsicher die auch sein mag.

auch unsicherheit kann wertvoll sein, sonst hätte Astrid sie nicht festgehalten bis die kinder weg waren. und aus dem haus und damit wirklich weg. es ist komisch, das schreibt sich so wie das andere wort und die zwei wörter, weg machen, ist wieder völlig was anderes, je wie man es spricht. das hat auch schon wieder werte. wider die worte. widerworte ziehen doch alles in zweifel.

Einfachschreiben, dachte Lorraine in der Schule. Ein fach schrei ben. Und: In Lothringen scheint immer die Sonne, ja! Wirres Zeug, das man nur denken kann, wenn man so einen Namen hat. Dabei war das gar nicht SO seltsam, es gab Nancy, es gab Mandy und Eileen, sogar Frances und Maureen. Bei den Jungs Gordon und Norman und Nick. Dennis war schon viel zu Deutsch. Doch Lorraine stach immer noch hervor. Vielleicht weil das ein Ort war und Lothringen irgendwo, von dem sie sich gar nicht vorstellen konnte, dass es das gab. Noch anders als wenn man Vienna heißt. Und weil Menschen keine Orte sein konnten.

Aber hatte die Oma nicht gesagt ICH HABE KEIN ZUHAUSE, ICH BIN EINS?!

 

Dort wo Marina hinkam war ihr alles fremd. Noch nicht mal das Gefühl des Verkehrtsein war ihr mehr vertraut, denn alles, was man ihr darüber gesagt hatte galt hier nicht mehr. Was man ihr über die Menschen, die so sein sollten gesagt hatte. Das war so deutlich spürbar, dass sie sich an diesem vierten Tag nicht fragen konnte wer ihr gesagt hatte wie diese Menschen sein sollten. Und das wer ihr das gesagt hatte überhaupt keine Ahnung hatte. Sie dachte nicht an die Frage Wer glaubst du, dass du bist? Sie sah nur, dass hier viele wie sie waren. So wie sie war und wie sie von innen her wusste, dass sie richtig war, wie ihr aber andere sagten, dass sie falsch war. Andere, die keine Ahnung hatten, weil sie im Leugnen festhingen ohne zu wissen, dass sie leugneten. Die nur darauf warteten morgens aufzuwachen und zu sehen, dass Marina nicht mehr Marina war.

Wenn Marina an so etwas dachte, spürte sie die Wut. Und die Wut machte sie unreif. Das hatten die Gutachter gesagt. Marina hatte sich dafür geschämt und es fehlte der Abgleich, denn sie wusste genau, dass sie reif war verglichen mit denen, die schon ein Vierteljahrhundert über sie urteilten. In der Scham merkte sie, wie die jedes Wort logen und immer gelogen hatten. Dumme infantile Bälger, die sich für erhaben hielten. Das kannten sicher hier viele. Diese Abgrenzung, die man machen musste. Zwischen sich und denen um die Reife zu bekommen. Marina beneidete die, die sie umgaben, aber sie war allein in ihrem Neid. Sie fühlte sich so als würde das große Haus sie erdrücken, kam sich dumm vor, weil sie das mit dem Fahrstuhl gewusst hatte und nicht zu dem blauen Turm gehörte.

***

Zehn Minuten Strom in Erinnerung an die ersten Campustage 2006 mit Karoline, Cristina, Judith, Stefanie, Angie und Sofia. Irgendeine von uns war bestimmt Marina.

„Meine Familie ist nicht normal und meine Familie weiß nicht was normal ist. Keiner bei uns weiß das.“

Daniel hat ein altes Buch und wenn er in diesem Buch liest wird das Gefühl immer stärker, weil in jeder Geschichte ein Stück seiner Familie steckt. Irgendwas erkennt er immer wieder. Das Buch heißt Familientanz und er denkt sofort Affentanz. Das haben seine Eltern früher immer gesagt. Mach nicht so einen Affentanz!, wenn er zwischen den Mahlzeiten Hunger oder Durst hatte. Mach nicht so einen Affentanz!, wenn er krank war und Schmerzen hatte. Später war alles nur eine Phase weil er zu viel fernsah. Genauso wie Dennis nur war wie er war weil er keine Lehrstelle bekommen hatte.

Damals hat Daniel entschieden, dass Familie nicht seine Sache ist. Er versteht auch jetzt nicht warum alle heiraten wollen, nur weil es geht. Wenn man einen Wisch braucht um sich sicher zu sein, dass man geliebt wird und selbst liebt, dann ist es keine wirkliche Liebe. Dann ist es wie mit der Geburtsurkunde. Beschiss für alle Male.

Das Buch hat Daniel gebraucht gekauft. Es ist beinahe so alt wie er und vergilbt. Eigentlich müsste es ihn ekeln. Er kann keine Bücher aus der Bücherei ausleihen, wer weiß schon, wer da dran gefasst hat. Aber dieses Buch hat er gekauft, in einem muffigen, engen Laden. Der Verkäufer kann ihn nicht verstanden haben. Aber wie sollte das auch gehen?!

Zeit, die eigentlich keine sein kann, weil kein Stück in ihr passiert ist, schließt die Menschen verharrend in sich ein nachdem ein Stück passiert ist. Das Skript ist immer dasselbe, es gibt immer nur einen Ausgang, doch die Erwartung fällt jedes Mal anders aus.

Wenn man den Kindern am Morgen die Brötchen streicht merkt man das nicht, denn man gibt aus Liebe acht, dass diese Brötchen nicht außergewöhnlich klein sind. Und dass es Butter ist, nicht Margarine, obwohl man die Butter verstecken muss um ihnen Demut beizubringen. Da draußen sagt ein Müllmann Plagen statt Blagen, dabei ist es noch morgens so früh. Man muss den Kindern lügen, dass die Butter wirklich Margarine sei. Eine besonders gute vielleicht, aber wirklich Margarine, und dass die Kinder selbst lügen, wenn sie erkennen, dass die Butter wie Butter schmeckt. Der Winter wird kalt, in der Wärme des Sommers war das Lügen leichter.

Wenn du ihn siehst, dann denkst du nicht, dass es nicht wirklich ein Mann ist. Ich habe es auch nicht gewusst bis zu dem Tag als Kind beim Balgen. Ich war so stolz mit einem Jungen zu raufen. Doch mir verrutschte mein Knie und er begann mich zu schlagen. „Miststück! Fotze!“ hat er geschrien. Ich ging mit ein paar Beulen nach Hause ohne die Wörter zu kennen.

Ich will es auch heute nicht denken und ich will nichts fragen und nichts wissen. Ich will Jens noch nicht einmal sehen, weil ich nicht will, dass es jemanden wie ihn in meinem Leben gibt, Wenn ich nur daran denke, dass er trotzdem da ist, sehe ich seine Schwester vor mir, unten bei der Treppe, die „Carmen! Carmen!“ durch den Flur schreit und keiner weiß wen sie damit meinen kann. Der Name ist ein Witz, aber der war nicht witzig.

Es gibt Dinge, die sind nicht aushaltbar.


Das ist eine Urfassung für eine Sache von Boris den Unverlinkbaren. Ausgerechnet ich habe „die, die nicht klarkommt“ gezogen.

Es gab diese Stunden, da war alles in Ordnung. In denen ich ich war und W. mich G. nannte und ich ihn W., und wusste, dass er mein Freund war. Oft spielten wir Tischtennis. Manchmal saß ich auch nur auf der Bank, oben auf der Lehne, mit den Füßen auf dem Sitzbrett. Wenn ich dann spürte, dass nichts war, war alles gut.

Die Nacht über Waldboden und niemand weiß eigentlich, dass ich das Zeug im Haar hab, so wie andere Leute Parfum oder sonst was. Auch das Raufen wie im Spiel ist kein Eigenes, kein Eigentliches ohne Verstand und Verständnis. Sinn macht das Gebalge allemal wie man sich jagt. Ein Spiel ist es, lustig, Verlust kann es dabei nicht geben.