Der Nebel in der Frühe und das Leuchten am Tag und die Wolken der Nacht sind Atem, so wie das Leben der Morgensonne angehängt ist, weil es ohne dieses Moment an seinem Platz im Laufe der Minuten nicht sein kann. Scheint es. Man muss defragmentieren was an sich ein Fragment ist. Trotz dem Strom, der da durch fließt, denn er ist ein Fluss und ein Meer zu gleich. Er kann tragen und töten, er kennt Boote und Flöße, aber die Brücken sind Schönschein. Fata Morgana, wie es in anderem Sinn heißt. Ihre Fallen sind sichtbar und so auch ihr Fallen, aber die Angezogenen fallen immer wieder auf sie herein, weil nur die Uferlosen immer wieder noch mal vermuten, ein einziges Mal könnte es anders sein.


Morgengedanken, dieses Mal nur pseudo-fiktiv, für textstaubs abc.etüden.

[Pseudo-fiktiv, denn wenn Sie genau lesen, dann wissen Sie möglicherweise was das mit mir zu tun hat. Das Schlüsselwort ist da.]

Morgens zieht die Zwischenwelt die Schokolade hoch und isst einen Pudding mit Rolladengeschmack zum Kaffee. In den Kaffee kippt sie die Tasse und dazu noch die Zeitung, bevor sie in der Milch liest. Wenn der Tag schlecht begonnen hat weil die Lärme kindern hat sie keine Haarwäsche zur Zeit, nur eine Eile zur Dusche bevor das Haus aus dem Nachwuchs muss. Manchmal ist dann so viel ruhe und kriechen, dass in den Büchern die ein oder andere Schultasche fehlt. Wenn der Tag jedoch gut anfing, zählt das alles nicht, denn die Ruhen sind kindig und man ruht im Essen. Dann trinkt man auch Hitze im Kaba und isst Brot auf dem Müsli.

Irgendwo zwischen der Brücke und der großen Kreuzung verliebte sich Hedwig in ein Graffiti. Graue Schrift auf roter Wand, viel schöner als langweilig andersrum. Und der Satz erst Wer hat uns denn Straßen aus Zucker und Bücher aus Schockolade versprochen? Wäre es nicht um das c gewesen, hätte sie sich beinahe gefragt, warum sie solche Leute mal Schmierfinken gefunden hatte. Das waren doch richtige Poeten, sie hatte nur nicht die Augen geöffnet. Früher hatte es doch Keine Macht für Niemand und Rebellion ist gerechtfertigt gegeben und eigentlich… irgendwie hatten diese Leute doch Recht gehabt. Wenn man immer brav wartete und Geduld hatte, passierte gar nichts, das sah man doch an den jungen Menschen heute. Heimchen am Herd war vielen wieder ein Ideal, Emanzipation war vorher noch ein Studium machen zu dürfen. Aber was war mit denen, die das nicht konnten? Den Hedwigs dieser Welt, die ihr Leben lang für genau solche malocht hatten und nun als Rentner in winzigen Wohnungen am Stadtrand vegetierten.


 

Noch was für die abc.etüden von textstaub.

Tegretal ist Carbamazepin und Carbamazepin ist eine blöde Drecksau, bei der Geduld in etwa so viel nützt wie gutes Zureden. Das dauert, Herr Büchner, Sie gewöhnen sich dran hatten die ihm auch beim vierten Mal gesagt, als er am Wochenende wegen der Nebenwirkungen vollgekotzt in der Notfallpraxis saß. Wenigstens war er jetzt nicht mehr Frau Bücher. „Marion Bücher“ stand auf der Karteikarte, das hatte er trotz der Sehstörungen durch das Scheißzeug noch jedes Mal erkannt. Als ob Marian Büchner zu viel verlangt wäre, verdammt noch mal, so kompliziert war der Name doch echt nicht! Und dann kamen die ihm auch noch doof, weil er mit dem Auto hin gefahren war. Soll man nicht auf Antikonvulsiva, ja ja – Leckt mich doch alle! dachte er dabei -, aber er war ja kein Epileptiker, Marian hatte einen Schlaganfall gehabt und beim Warten auf Reha ging das Leben eben weiter, Kind muss in die Kita, Mensch muss aus dem Bett kommen, Tegretal hin oder her. Wegen dem Scheißzeug ging es ihm erst dreckig. Nichts ging mehr, ihm wurde seit er das Zeug bekam schon schlecht, wenn Elsa morgens auf dem Weg ein Stück Schokolade aß, weil er jetzt alles für drei roch. Dazu halt das Dauergekotze, das Vertiko – halt: der Vertigo, jetzt schlug ihm die Scheiße schon aufs Gehirn! – und das schlechte Sehen, was sollte das noch werden?!


 

Für die abc.etüden von textstaub aus dem Leben gegriffen und zu Fiktion gewoben. Carbamazepin ist ein (auch in der Schmerztherapie angewandtes) Arschloch und nein, es ist nicht toll, nur weil Ian Curtis das auch bekommen hat.

Mein Ex-Kommilitone D. hatte während der Umschulung zwei von den Ärzten als Spannungskopfschmerz abgetane Apoplexe, nach dem dritten, als erstmals seinem Drängen auf ein MRT – er war vorher examinierter Krankenpfleger, konnte seine Befürchtung also nicht nur artikulieren sondern auch begründen – nachgegeben wurde, gaben sie ihm Antikonvulsiva. Das Familienleben – vier Kinder, die Frau arbeitete Vollzeit – musste dennoch weitergehen. Mit Nebenwirkungen.

Doppelfenster und ein großes Betttuch an der Autobahn. Man könnte sagen, wir haben es nicht anders gewollt, aber wir sind froh, dass wir leben und an einem Ort wie diesem kehrt wohl die Ruhe ein, sucht uns allerdings die unaushaltbare Stille nicht heim. Sie ist nicht Komplizin vom Hämmern im Kopf, sie ist keine Sanfte, sie ist der Tod. Deshalb ist es gut, dass hier Platz ist, da irrt sie zwischen allem umher und verliert sich in Topf oder Teekanne. Kaffee ist an diesem Ort trotz alledem nicht zu trinken, denn wir hatten den Kuchen weil das Brot alle war.

Die Königin, also die Frau von Julius König, hieß überall nur genau so: Die Königin und egal wer gefragt wurde sagte „Ich weiß gar nicht wie die mit Vornamen heißt.“

Man wusste so gerade, für ihn war diese Frau schon immer seine Prinzessin, und dass die ihn vor irgendwas gerettet hatte – Backerbsen oder so was, da war was mit Märchen und großen Lügen -, aber nicht so genau was, weil Herr König und seine Frau Königin nicht annähernd aussahen wie man sich Menschen, die getan haben wollen, was die zwei von sich sagten vorstellte.

Oft, wenn Julius ein Weinchen oder den Aperitif ablehnte und sagte warum bekam er ein erstauntes „Was? DU DOCH NICHT!“ zurück. Die Sager meinten es wohl, aber Julius fühlte sich unwohl. Das war wie verlacht werden, nicht ernst genommen, keinen Respekt bekommen für sich als Mensch und vor dem was er mitgemacht hatte. Vor allem dann, wenn er plötzlich im Mittelpunkt stand.

Manchmal sah er dann zu seiner Königin und es dauerte Millisekunden bis sie verstand und man sich zum Aufbruch entschied. Letztens bei Ederers hatte sie sich beim Mantelanziehen noch einmal zum Raum mit der Gesellschaft umgedreht und über die Schulter gerufen: „Nächstes Thema, ihr Schwätzer: Korallenriff!“


Für textstaubs abc.etüden.

Dieses „Was? DU DOCH NICHT!“ kennen viele trockene Alkoholiker. Die meisten, die mir begegnet sind empfinden das so wie Julius König. Gruß an H., P., D., E., R., und T.

Du hast mich gefragt was ich will. Einen Telefonhörer will ich, damit ich ihn aufknallen kann! K E R R I N, nicht Karin, nicht Kerstin oder Christine und erstrecht keine verunstaltete Karen! Ist mir schon klar, dass nicht viele Leute so heißen, aber es kann doch nicht so schwer sein, mein Gott!

„Hat euer Zoo eigentlich keine Seehunde?“

Die Frage hallte im Raum und meinte mit euer die Stadt, nicht den gerade aus der Leitung gedrückten Sachbearbeiter. So hieß doch ein Seehundmädchen in dem Buch, das ihr Bruder als Kind gehabt hatte. Kannte das eigentlich keiner? Robbi die Robbe am Wattenmeer oder so ähnlich. Nicht Robbi mit Tobbi und Flittertüt, so ähnlich wie Filtertüte, Fliewatüt, sondern Robbi als Robbe, da hatte ihr Bruder den Namen her.

„Habt ihr hier eigentlich einen Zoo?“

Es hallte wider.

Der Affe im Zoo, aber die Nacht ohne Bleibe. In der Bahnhofshalle versuchten es nur die Naiven, die Zeiten waren längst vorbei und dieser Zirkus in der Notschlafstelle, da kriegte man doch kein Auge zu, weil die einem alles unterm Arsch wegstahlen. Druckraum ging auch nicht, da war ab 22 Uhr dicht. Wer hatte eine Karte für welche Tür, wo hatten sie keine Kameras oder gute Leute… Aber es dachte doch jeder nur an sich selber. Das Scheißzeug, na klar, aber… Die andere Möglichkeit war erstrecht ätzend.

Wie hieß denn gleich dieser Typ mit dem Moped? Der kam auch auf die Platte und kannte doch Hinz und Kunz.

In dem Moment ging die Durchsage Auf Gleis Eins erhält Einfahrt… nach Prag…


 

Aus dem Gedächtnis nach Erzählungen diverser Menschen für die abc.etüden von textstaub. Auch Mitschüler von mir fanden sich bald nach der Mittleren Reife in der Statistik.

Ich hatte verdrängt warum wir auf diese Brücken kletterten. Die und die Dinger mit den Autobahnschildern, manchmal gab es da kleine Balkone. Ich glaubte wirklich, dass er mir die Aussicht zeigen wollte wenn er den Arm kreisen ließ und erzählte „Von hier aus kannst du das und das und nach da sehen, in da und da passiert das und das.“ Für mich war diese Weite Freiheit. Wenn er dabei nach unten sah auf die rasenden Autos, dachte ich, er müsse nur ausruhen, wir waren manchmal vorher ein Stück Weg gerannt. Nicht weil wir mussten, weil wir urplötzlich Lust dazu hatten Ich wusste es nicht besser. Manchmal rauchten wir da oben von derselben Kippe.

Es kam dieser Tag, an dem er in der WG-Küche zu Holger sagte, dass es letztlich egal wäre. Nicht was, nur das Wort es, vielleicht in einem ganz anderen Zusammenhang. Ich stand im Flur und hielt noch die Klinke zur Toilettentür und wusste plötzlich Bescheid. Es gab keinen Lichtblitz oder einen Farbwechsel, aber über unseren Ausflügen lag ab genau dem Moment ein anderes Licht. Das Geräusch im Kopf war wie das einer alten Dia-Maschine.

Ich überlegte nachmittags nicht mitzugehen. Aus Enttäuschung und Wut und… aber meine Füße gingen auch ohne mich. Ich kam erst mit dem grünen Auto mit meinen Initialen im Kennzeichen und während der zweiten Kippe.

Ich schalt mich, es war wie immer. Das Wetter war gut, ich hätte liebend gern ein Eis gehabt.

„Kannst du noch zählen?“ wollte er wissen.

„Ich zähle nicht, das weißt du.“

Er zuckte die Schultern. „Ich schon.“

„Was hat das für einen Sinn?“

„Ich zähle doch alles, weißt du doch.“

Ich wusste auch warum. Er zählte gegen das, was da war an, damit er es endlich vergessen konnte.

„Wahrscheinlich ginge… Wenn man sich fallen ließe, ginge ich … ginge es wahrscheinlich ziemlich schnell.“

„Red kein Blech!“

„Ich mein ja nur.“

„Mach kein‘ Scheiß!“

„Zwischen denken und machen ist ein Unterschied.“

„Das darfst du aber nicht mal denken.“

Er seufzte. „Manchmal habe ich keine Lust zu zählen. Auf ewig Graf Zahl – nein danke!“

„Aber das bringt’s doch auch nicht.“ Es klang kalt, in Wirklichkeit hätte ich gern eine dieser Umarmungen gehabt, die wir uns da oben manchmal gaben. Diese Umarmungen waren für mich der sicherste Ort der Welt.

Er zuckte die Schultern. „Wer weiß.“

„Du bist ein Idiot!“

„Ich hab den Tod des Lebens gesehen.“

Ehrlicher ging es nicht.

„Und ein Egoistenschwein dazu. Was ist denn mit den anderen?“

„Wem?“

„Ich, Christoph, Dominik, was weiß ich.“

„Schon klar, Barbara.“

„Nenn mich nicht Barbara.“

„Lass es!“

„Was wäre denn mit uns?“

„Jeder Mensch ist ersetzbar.“

„Red kein Blech.“

Er sah nach unten. Zwei LKW, ein Reisebus, ein Audi, zwei VW. „Du verstehst mich nicht. Gerade du. Ist vielleicht auch kein Wunder.“ Dann stand er wieder aufrecht.

Ich sah es nur von der Seite, aber in seinem Gesicht stand, der Moment war vorbei.

Die Umarmung war der sicherste Ort der Welt.

An der Tür steht Frau Müller und fragt ob Gesine vielleicht für die nächsten zwei Tage die Zeitung aus ihrem Briefkasten holen kann. Bitte, denn sie müsse dringend verreisen. In ein paar Stunden käme die Enkeltochter von der Arbeit und hole sie ab, dann fahre man nach Reinbek, das ist in der Nähe von Hamburg.

Gesine weiß, dass Frau Müller dort Familie hat. Das Grab von Frau Müllers verstorbener Tochter liegt auch dort und in Frau Müllers Küche hängt eine Fotografie dieser Tochter, der Angela, mit ihrer Mutter in der Küche, die auf der Aufnahme schon genau so aussah. Dass die Tochter gestorben ist, ist jetzt fast neun Jahre her. Ganz plötzlich, von jetzt auf gleich alles vorbei. Frau Müller trauert immer noch. Im Wohnzimmer steht eine große Portraitaufnahme von Angela zusammen mit der anderen Tochter, Elke, von vor etwa zehn Jahren. Elke sieht noch immer nicht anders aus. Sie kommt zweimal am Tag und unterstützt ihre Mutter. Mit 94 geht das ein oder andere nicht mehr.

Frau Müller sagt, dass ihr Bruder, der Heinrich, gestorben ist. Sie und Elke und die Enkeltochter, die Claudia, fahren zur Trauerfeier. Wenn man sich schon nicht ein letztes Mal in echt sehen konnte, dann will sie ihm diesen Respekt noch erweisen.

Für Gesine sind das leere Worte. Vielleicht sind sie auch lehr, weil sie reichen um nach dem Gespräch hinter der verschlossenen Tür ihrer Wohnung stehen zu bleiben und sich klar zu werden, dass sie das alles nicht verstehen kann. Wie kann so eine Verbindung entstehen? War das der Krieg oder war das die Flucht, von der Frau Müller sonst häufig erzählt? Ihr als Kind von im fetten Wirtschaftswunder aufgewachsenen Eltern war so was nie widerfahren. Wenn bei ihr in der Familie jemand starb, wurde der verbrannt und kam weg, anonym und für immer, für Trauer gab es keinen Raum.

Vielleicht musste man die aufbrauchen so lange keiner tot war, weil deren Raum ein vereistes, weites Feld ist.