Etwas, dass wir alle an ihm hassten war, dass er versuchte uns seinen Kindheitstraum aufzudrücken.

Ständig faselte er davon, wir sollten malen oder fotografieren und wir sollten weder Paintball spielen, denn das sei martialistisch, noch super sagen, denn das Wort hätte keine Aussage, müssten wir nur mal nachspüren.

Sein verschissener Schuldkomplex, der wollte, dass wir so eine Art neue intellektuelle Elite werden sollten und uns zugleich aber vollständig von dem, was wir eigentlich waren assimilieren.

Er mochte keine Behinderten.

Wir sollten so tun als gäbe es uns nicht und als wäre all das, was für uns und unsere Entwicklung tatsächlich normal war in Wirklichkeit krank.

So wie sein verschissener Schuldkomplex.

Gegen den kein Mensch und kein Argument ankam.

Nie.

Bis eines Tages Kerstin aufstand, mitten in einem Satz von ihm. „Wissen Sie eigentlich, dass es schier unmöglich ist ohne Arme ein Stativ zu schleppen?“ fragte sie.


Für die Etüden. Der Lehrer hat ein reales Vorbild, ist aber fiktiv.

Ab da war es als ob ich wüsste wie enden würde. Dieser Moment als Jörn sagte, er sei nicht mehr er selbst. Und es war als ob ich nichts dagegen tun könnte, denn ich wusste es ja nicht eigentlich. Redete ich mir ein. In Wahrheit war es wie ein festgelegter Ablauf, in den sich von außen nicht eingreifen ließe. Ich habe mich verloren, ich habe mich vergessen. Es hat keinen Zweck darüber zu reden, denn das gibt nur große Worte. Vielleicht wollte ich stattdessen Zeit es akzeptieren zu können. Einsinken lassen, damit ich am Ende nur noch leicht wäre. Vielleicht wollte ich aber auch das Gegenteil. Federn gehen so leicht verschütt.

Als es kam wie es enden musste pfiff der Kessel auf einen Ton.

Nie war die Vernachlässigung so stark in Charlotte zutage getreten wie damals als sie beim Test die Silhouette der alten Frau nicht in der jungen erkannt hatte.

Sie hatte davor schon gespürt, dass die Gutachter mehr über sie wussten, als sie selbst preisgab, schon deshalb weil sie Smalltalk nur für dummes Schwadronieren hielt (ihre Eltern hatten pausenlos über belangloses Zeug gequatscht, wichtige Dinge durften nicht angesprochen und es durfte auch nicht geschwiegen werden). Charlotte sprach über Substantielles.

Das hatte noch nicht mal damit zu tun, dass sie in den ersten 18 Jahren weder Buddelkiste (dreckige Klamotten machen Arbeit und spielende Kinder sind peinlich, auch wenn alle anderen Eltern auch welche hatten) noch Tanzbein (so lange du deine Füße unter unseren Tisch stellst bist du um 19 Uhr zu Hause – grundsätzlich!) gekannt hatte, sie mochte einfach nur kein Geseier mehr.

Sie wollte sich nicht mehr für diese Eltern schämen müssen, diese Leute, die geglaubt hatten, ihre Verantwortung ende damit Kinder in die Welt gesetzt zu haben, ab da könne man Ansprüche stellen. Charlottes Eltern fragten nie wie es ihr oder ihren Schwestern ging und immer wenn eine von ihnen versuchte von sich zu sprechen, kam die Jüngste mit ihrem Laptop rein und zeigte der Mutter oder dem Vater irgendwelche Kindergartenfreunde auf Facebook, die auch prompt beschaut und besprochen wurden.

Patricia war einmal der Kragen geplatzt: „Ich bin fünfeinhalb Stunden gefahren, in drei Stunden geht mein Zug zurück, ich bin nicht gekommen, damit du mich ignorieren kannst, du wolltest mich sehen!“

Da hatte die Mutter gesagt „Wir finden dich hysterisch.“ – dasselbe wie zu Tanja als die gesagt hatte, sie käme nicht mehr, die Eltern und Jasmin wären doch eh nur mit sich beschäftigt und alle anderen wären immer schon egal gewesen.

Das hatten sie alle gefühlt, aber keine es gesagt, weil es so unwichtig, so „normal“ war – und eh nichts ändern würde.

Aber in dem Moment mit dem Test mit der Silhouette hatte Charlotte Gefühle gehabt, sie war stockwütend geworden.


Für die Etüden.

Far out, weit weg, ganz weit von diesen Menschen, die den Unterschied zwischen einer Buddelkiste und einer Kiste Buddeln nicht kannten. Das waren wir.

Unten auf dem Boden, mit den Rücken an der Mauer und der letzten Kollektivkippe. Früher hatte das Ding unauffällig „Tanzbein“ geheißen und nur die kleine Flagge hatte es verraten, und dass es diesen Ort nicht mehr gab hatten diejenigen zu verantworten, die von Toleranz schwadronieren, aber in Wahrheit nicht einmal die Toleranz tolerieren können. Tolerieren heißt ertragen und dass richtige, echte Menschen keine Hirngespinnste, die ihnen wieder nur Schablonen überstülpten akzeptieren wollten konnten sie nicht tolerieren. Ich wollte nicht wissen, welch seltsame Definition von „Toleranz“ die ihren Kindern mitgaben. Die, die sie zu tolerieren und sogar lieben vorgaben hatten sie vertrieben.

Andreas‘ Eltern hatten sich hier kennengelernt – weit bevor es solche Eltern offiziell überhaupt gab: Klare Absprachen, Vati und Peter, Mutti und Mirko (wie in Miriam Kornelia) und Mirkos Ex, die andere Andy – wo gibt es sowas nicht?!

Die Exotin bei uns war Ulrike, unser grüngetupftes Einhorn, weil sie nicht wie wir war und nur eine Mutter und nur einen Vater hatte, die dazu auch noch zusammen waren und das fanden die Toleranzschwadronierer ebenfalls wieder seltsam, sie war ja kein schwuler Uli als Herzeigeaccessoire für irgendein Hetenmädchen, sondern nur sie und eine unserer Freundinnen.

Ulrike drückte die Kippe an der Hauswand aus und sagte, dass es das dann wohl wäre, immerhin stand auf der Leuchtreklame über ihrem Kopf jetzt schon Reisebüro.


Für die Etüden.

Es ist dunkel, als Christina die Tür aufdrückt. Sie war schon lange nicht mehr hier, hat sich hier auch nie wohlgefühlt, hat nicht vermisst wie es riecht oder klingt und wird wahrscheinlich keinen Menschen außer Eli in dem ganzen Raum kennen. Eli, die auf den Zug aufgesprungen ist und jetzt Ella heißt, Ella, die die Bar macht.

Und übermäßig freundlich ist. „Du siehst aus wie… Ich habe dir immergesagt, die bringt es nicht.“

Dann stellt sie ihr etwas hin und Christina weiß gar nicht was sie da trinkt.

„Gegen die wirkt nur Asbach“, sagte Eli und trocknet routiniert Gläser ab.

Christina sieht in ihr Glas und kneift die Augen zu, die Flüssigkeit brennt. Woanders brennt es auch.

„Chrissi…“ Elis Stimme ist ungewöhnlich ruhig, auf so etwas weibisches lässt sie sich eigentlich nicht herab. „Mit Speck fängt man Mäuse und die hat angefangen zu ködern so bald du dich umgedreht hast.“

Christina hasst diesen überlegenen Blick in Elis Augen, sie kommt sich wie ein Kind vor.

Guck in den Spiegel, kann sie durch das Brennen nicht denken.

Wir haben einen neuen Cäsar. Nein, nein, nicht den aus dem Zäsursalat, unserer ist derart dilettantisch, dass er am Abend die Mondsichel aufhängt um sicherzugehen, dass auch der letzte Pedant begreift, dass Nacht ist.

Morgens hängt er sie wieder ab, ja, ja.

Das Kontrollieren der Zeit scheint ihm neben dem Kontrollieren von allem, das nun einmal falsch ist und Richtigkeit haben muss die größte Freude, gar manch einer sagt, er lässt von der Leine. Das verwirrt, denn das Volk unserer Leute kennt nur Gängelung.

Jein, da ist dieser Cäsar schon nützlich, so ganz ohne Salat ist kein Leben und das müssen wir doch erstmal lernen.


Für die Etüden.

Immer wenn er sommers auf der Autobahn festsaß, musste Sebastian an den Sommer bei seiner Oma denken, als dort die Straßenschlucht gegraben worden war. Es war so laut gewesen, den ganzen Tag, und aus irgendwelchen Gründen hatten seine Eltern damals beschlossen, dass sie statt wie alle anderen in die Ferien jeden Tag zu Oma Hannelore fahren würden. Der täte das sonst so in den Ohren weh.

Damals war Sebastian zum ersten Mal den Wort einzigartig gewahr geworden. Er kannte bis dahin großartig! und sein Bruder Christian hatte irgendwann gesagt Na, großartig, sind wir als einzige die ganze Zeit hier…, da hatte auch nicht geholfen, dass Oma Hannelore den beiden Kuchen, Bonbons und sogar Chipsfrisch noch und noch kredenzte und ihnen sogar für beide zusammen jeden Tag eine halbe Flasche Cola erlaubte, obwohl Mutti und Vati dagegen waren.

Das einzige was gut war, war dass die ganzen Tipps mit den tollen Sachen in Achterbahn sowieso nicht in der Nähe lagen. Da brauchten sie nicht traurig sein, sie hätten sich eh geärgert. Und bei der Folge mit der Musik durften sie sogar richtig aufdrehen und Oma Hannelore hatte aus voller Kehle Ich find das so gemein, so gemein, so gemein mitgesungen.

Wenn Sebastian heute sommers auf der Autobahn festsaß hatte er das im Ohr. Wer hat das eigentlich gesungen?!

Für die Etüden.


Achterbahn war eine Ferien-Sondersendung im Kinderprogramm 1983.

Es war Leben gewesen, hier in der Siedlung, für die Arbeiter, Kinder, Frauen, Männer, alles tobte, alle hielten zusammen, sogar, die Gastarbeiter, die irgendwann in den Sechzigern auftauchten und blieben. Man kannte sich, half sich, man feierte und spielte – wenn Gerlinde dahin von heute zurückschaute war das einzigartig.

Heute war doch entweder jeder für sich oder in kleinen Grüppchen, aus denen man nicht ausbrechen durfte, damit man die Zugehörigkeit nicht verlor.

Ihr Enkelkind Emil war im Kindergarten verspottet worden nachdem er stolz seinen Ranzen für die Einschulung präsentiert hatte.

Einfarbig rot war heute was für Mädchen und Emil hatte sich in deren Domäne gemischt.

Das kam Gerlinde so ähnlich vor wie ihre Siedlung :da wo wie selbst verständlich alle zusammen in den Arbeiterhäusern gelebt hatten – Schlagermusik hier, türkische Wortfetzen da – war jetzt eine Straßenschlucht, denn da sollte die Straßenbahn her. Für die Besserverdienenden, für die schon die Häuser und die Bäume abgerissen worden waren, damit man hier statt leben in Glaskäfigen und panzerartigen Geländewagen existieren und das „gehobene Ansprüche“ und „exklusiv“ nennen konnte. Wenn sie deren Kinder sah, diese Luisen und Charlotten, Josefinen, Wilhelme, Leopolde und Maximiliane, dann kam es ihr vor wie im Film von Fritz Lang Metropolis, nur dass man den Kindern ihr Arbeitersein und keine Identität außerhalb des Funktionierens haben – es muss ein Mensch an der Maschine sein – nicht ansehen würde.

Sie kamen nicht von schlechten Eltern, sie waren die Besseren mit der sozialen Distinktion – bis die Achterbahn nach unten ging und dann wollte Gerlinde ihre Entwurzelung nicht kennen.


Für die Etüden.

Jene Regennächte, in denen man einfach nur sprach und dann liegen blieb, einander zugewandt. Manchmal roch ich dann Erdbeerkuchen und wusste keinen Grund. Aber es war erste Sahne. Beim Aufwachen Orangen, was fremdes, aber doch längst vertraut.