Also irgendwas wollten wir. Nicht dass wir gewusst hätten was, aber es muss etwas gewesen sein, weil es irgendetwas gegeben haben musste, dass wir wollen wollten. Etwas, das wir wollten. Vielleicht hat uns auch die bloße Idee etwas zu wollen gereicht, aber dann haben wir eben genau das gewollt. Eine Idee. Ideen sind gut, wenn sie durchdacht sind. Aber halt! Denken – das wollten wir damals nicht.

Es geht doch gar nicht darum, aber Anna denkt beim Wort „Penetration“ sofort an ihre Murmel oder vielleicht auch die zwei Murmeln weiter oben, das kann man nicht so genau sagen. Der Satz ist jedenfalls A poem is a penetration into the essence of something und hat so gar nichts damit zu tun und Tim findet sowieso, sie sitzt da wie ein aufgespießter Zaunkönig. Jedenfalls nervt sie. Frag hier irgendwen, der wird dir schon sagen, dass Mademoiselle uns hier allen auf den Sack geht. Was die im Literaturkurs sucht hat noch keiner begriffen. Den größten Ertrag für Fümmelchen, Klunker, Spitzenhöschen und andere Habseligkeiten bieten in der Realität die Geisteswissenschaften wirklich nicht gerade. Wahrscheinlich kommt ihr Sozial nur noch niveauloser vor und für Medizin oder so müsste so eine ja nebenberuflich auf den Strich. Pfui bäh.


 

Ein belauschtes Gespräch zwischen Studenten umgewandelt und in eine Etüde eingebaut. Der englische Satz stammt aus „Writing For Your Life“ von Deena Metzger.

Den Kindern wurde gesagt, sie sollten sich fernhalten, mit so einem sprach man nicht und die Erwachsenen tuschelten, der wäre doch sicher selbst schuld, in diesem Land musste keiner hungern und auf der Straße leben. Aber die Kinder liebten den Zaunkönig.

Er hieß Zaunkönig, weil er am Zaun saß und der Zaun war in der König-Ludwig-Straße.

Den König Ludwig hatte es vor langer Zeit, als noch keiner von ihnen geboren war, in Bayern gegeben und der hatte keine Emailadresse oder WhatsApp gehabt, weil es das damals noch nicht gegeben hatte. Auch keine Fernseher oder Radios.

„Aber was hat denn der dann die ganze Zeit gemacht, wenn ihm langweilig war?“ fragte Charlotte durch ihre Zahnlücke und sah sich um, weil ihre Eltern sie hier nicht sehen durften.

„Das können wir nicht mehr so genau wissen.“ Der Zaunkönig hatte in der großen Tasche mit seinen Habseligkeiten gekramt und ein paar Murmeln herausgeholt.

„Vielleicht hat er gegen sich selbst flippern gespielt“, fand Johannes.

Der Zaunkönig meinte, auch das hätte es nicht gegeben, achtzehnhundertirgendwas gab es noch nicht mal elektrisches Licht.

Das verwirrte die Kinder, denn ihr Uropa hieß auch Ludwig, war bestimmt alt genug, dass er den König in Bayern noch gekannt hatte und spielte wenn ihm langweilig war immer Tetris.

 


 

Für Textstaubs abc.etüden. Dass der Vorname stimmt ist Zufall. Ein Zaun kann auch als vergittertes Fenster (siehe Klaus Mann und seine Ludwig-Novelle) gesehen werden.

Nachmittags sind mehr Leute auf den Straßen. Der Satz wirkt seltsam und deplatziert wenn Karoline ihn auf dem Asphalt sieht, weil sie etwas anderes als seine Urheber damit verbindet. Sie sieht dann Demos und Rückgrat, die jungen Leute nur eine Floskel wie dieses überall auftauchende DU bist wundervoll und Ich glaub‘ an Dich. Leere Phrasen, die den Zustand der Leute beschrieben. So verzweifelt, dass sie den Hohn darin nicht mehr sahen.

Aber Nachmittags sind mehr Leute auf den Straßen. war anders, ist es jedes Mal. Wörtlich genommen stimmte es, das konnte man prüfen. Deswegen ja, diese Feststellung war doppeldeutig und vielleicht war das ein Ruf, dass etwas anders werden sollte.

Aber wie anders? Der Zustand der Welt könnte positiv gebrauchen, aber die Klippe zum Schlimmeren ist schon ein paar Mal in letzter Zeit genommen worden. Durch diese Leute, die das Friseurhandwerk diskredieren.

Der Satz gefällt ihr. Dann brauchte man die Namen nicht sagen und ohne T. und W. und die Länder A. und N. auszusprechen, konnte man sich wenigstens vormachen, dass man mit den Leuten noch über etwas Wichtiges reden konnte.

Sabrina fand Galeristen armselig. Ein überhebliches, intellektuelles und geltungsbedürftiges Pack, das sich selbst als die Rettung der Menschheit feierte.
Sie hasste auch Vernissagen. Alles so steif und theoretisch und alles ganz wichtig Kunst, während man sie und ihre Arbeiten als Kreativscheiß verschrie. Kunsthandwerk! Und mit ihrem Eso-Scheiß – Sabrina war der Meinung, Kunst müsse aus der Seele kommen – solle sie sich gleich mal trollen, so würde das nichts. Manchmal beneidete Sabrina die, die davon überhaupt nicht leben wollten, Thomas, Daniela und Johanna, aber dann hasste sie diese drei auch, weil sie den Markt kannten und immer nur sagten, sie würden sich nicht prostituieren. Sabrina empfand sich dann abgewertet, die konnten sie nicht verstehen und fanden sie wohl insgeheim ein Strichmädel. Manchmal wollte sie einfach nur hinschmeißen, die anderen wirkten irgendwie glücklicher.


 

Textstaub variiert seine Schreibeinladung und der Würfel gibt mir Galerist, Rettung und Armselig. Ich kenne tatsächlich die ein oder andere „Sabrina“, diese hier ist aus mehreren Personen zusammengewürfelt.

Wir hatten was wir hatten um zu retten was nicht zu retten war.Und dabei ekelten wir uns wie vor unseren Eltern, die so Leben simuliert hatten als schon lange nichts mehr voneinander zu holen war.Die Strandmuscheln lagen wie aufgesprungene Meeresfrüchte und das Fischnetz an der Decke der Hafenkneipe hing so da als wäre es eine Hängematte vor dem Herrn – in unserer Anspannung war alles doppeldeutig, sprach das alles ein Urteil, das wir nicht sehen wollten. Wir wollten es doch besser machen. Es konnte doch nicht sein. 23 Jahre für nichts.Wir waren erwachsen, zu alt.

So konnten wir uns doch nicht blicken lassen.


Für textstaubs abc.etüden.

Du hast geguckt, ich hab’s genau gesehen! dachte Gregor. Ach, er wurde schon paranoid! Aber wie denn auch nicht, wenn man hier angestarrt wurde wie der sprechende Rotpeter im Zoo. Klar, in BILD, Fernsehen und wusste er sonst wo kam einer wie er nur vor in Zusammenhang mit Hängematte. Es war ja auch leicht zu reden, wenn man noch nicht alles verloren hatte. Früher hatte er auch gesagt Die können sogar Meeresfrüchte von Lidl fressen und nicht weitergedacht weil sein Urteil festgestanden hatte.

Tja, und jetzt saß er hier inmitten dieser Menschen, die alle nicht nach Asi aussahen und eingeschüchtert darauf warteten, dass sich die richtige Tür für sie öffnete. Der alleinerziehende Vater, der einen 400€ Job anmelden wollte genauso wie die Frau, deren Wohnung ausgebrannt war und der Junge, der gerade 25 geworden und von seinen Eltern herauskomplimentiert worden war und das Mädchen, das nur schnell die neue Krankenkassenversicherungsnummer mitteilen wollte und dafür seit Stunden wartete.

Manchmal kam einer von den Mitarbeitern aus einem der Zimmer, schloss die Tür hinter sich zu, begaffte die Wartenden und hielt es für ein Weltwunder, dass Gregor ein Buch las und der Vater mit dem kleinen Kind Klatschspiele spielte.


Für die abc.etüden von textstaub.

Zwei Koffer, eine Laptoptasche und zwei Leinenbeutel von ihr, ein Bett, ein Tisch, ein Schrank, ein Stuhl, ein Kühlschrank und ein Waschbecken durch das Haus. Wer hier landet hat alle Ufer verloren. Aber das Wort uferlos hatte Deborah damals schon nicht gefallen, als Nina es ihr hingeschleudert hatte. Es hatte so viel in ihr zerstört, dass es ihr den Atem abgeschnürt hatte. Lange her war das und mehr Gefühl als echte Erinnerung. Es wäre schön wenn auch das mit Steffi so wäre, dann wäre es leichter, statt diesem ewig hinterfragtem Fragment im Kopf. Du musst dich eben mal en… Deborah sah auf ihren Gipsarm und wollte sich trösten, das war doch alles nicht so schlimm, vielleicht sogar ein Missverständnis. Es wäre vielleicht ausräumbar, wenn sie sich einfach nur entscheiden würde. Aber das hatte sie doch. Hatte nicht sogar Konrad zu ihr gesagt, sie war selber Schuld, wenn Steffi die Pferde durchgingen?!


Für die abc.etüden von textstaub.

Weißt du noch als wir noch etwas Eigenes hatten? Als wir noch in die Seitenstraßen schleichen und kritisch beäugt werden mussten? Erinnerst du dich an das Gefühl, das wir heimlich und still nach dem Geschaffthaben hatten?

Weißt du noch, dass es etwas gab für das uns niemand bewunderte und auf das wir deshalb stolz waren? Und wie froh wir waren über dieses Anderssein? Erinnerst du dich an die Zeit ohne Medium mit Verbündeten, die sich Toleranz auf ihre Fahnen schrieben und in Wirklichkeit das Wort nur entblößen, weil sie es selbst nicht begreifen?

Erinnerst du dich an die Utopie und das „Was wäre wenn…“ und was das für ein Glück war, weil wir doch etwas Eigenes hatten. Weißt du noch wir sehr wir uns quälen mussten, jeden Tag und jede Stunde und wie sehr wir verstanden werden wollten?

 

An einer Hauswand in Jonathans Traum stand ein Gedicht. Es war ein Haus in einer seltsamen Gegend, aber in der Nähe der großen Sparkasse, so dass er sich noch orientieren konnte. In der Nähe des Diakonie-Ladens und des Sexkinos, das in Wirklichkeit ein Erotic Store war. Seine Freunde, voran die Mädchen, sagten, solche Läden musste es geben, sonst gäbe es noch mehr Sexualdelikte. Bloß hatte das eine mit dem anderen nichts zu tun.

Er war sich sicher, das Haus gab es wirklich. Vielleicht war es das hinter der Plakatwand und jetzt im Sommer konnte er auf die Seite mit der Schrift wegen der blühenden Bäume nicht sehen. Nur das Gedicht wäre nicht echt. Dort sprühte keiner Graffiti. Heute nicht mehr, es war zu nah an der Sparkasse, da hielt man es sauber.

Im Regen hatte er sich verlaufen. Er konnte das große Sparkassen-Gebäude noch sehen und er hörte den Verkehr von der Hauptstraße, weshalb er wusste wie weit er abgekommen war, aber er erkannte die Straßennamen nicht. Ein Hotel, eine Immobilienfirma, ein Umzugsunternehmen, aber keine Leute. Es wäre leicht gewesen zur Hauptstraße zu gehen und von da aus zurück auf die Einkaufsstraße, zurück zur Sparkasse und von da aus den Weg noch einmal von vorne. Aber da kam ein junger Mann von der anderen Straßenseite zu ihm rüber, lediglich ein bisschen älter als er selbst.

Jonathan sprach ihn an: „Du, Entschuldigung, ich habe mich verlaufen. Ich suche….“
Ja, was eigentlich?

Einen Ort, den kein Navi kennen konnte. Einen Ort, den keine App mehr kannte. Das Gedicht in Jonathans Traum hatte es nicht gegeben, aber im Erdgeschoss eines Hauses in der Nähe des CVJM war ein Gay Store gewesen, wenn man genau hinsah, erkannte man auf den Stufen noch die Regenbogenflagge. Jonathan wusste nicht was die bedeutete, er hatte nur einmal eine Frau mit einem Anstecker am Rucksack gesehen, vor langer Zeit als er noch Kind war. Er hatte die Anstecknadel schön gefunden, aber er konnte sich auf den Teufel nicht erinnern wie die Frau ausgesehen hatte, nur daran, dass sie lange Haare gehabt hatte.

„Die waren ganz ruhig“, sagte ein Mann. „Du konntest Sachen kaufen, auch Spartacus und Gummis, aber es gab kein Hinterzimmer und es kamen kaum Tunten. Das waren Männer, einige von denen hatten Kindersitze im Auto.“

Weißt du noch als wir noch etwas Eigenes hatten? Als wir noch in die Seitenstraßen schleichen und kritisch beäugt werden mussten?

Das hämmerte im Kopf wie ein altes Lied.

Eine Schüssel mit Quark ist ein gutes Frühstück. Gut und wertvoll in der Zeit der Matratzen in den großen Hallen, wenn nur der, der den Quark hat überblickt wer mit wem, worauf, worüber und worunter.

Tobias ist so einer. In der Zehrung der Dämmerung, die Erschöpfung noch ganz tief im Körper hat er den Quark und die Schüssel und kann damit verfügen. So eine Schüssel ist Macht in einem Haus voller Schläfer. Sie ist erhaben über die winzigen Gläser und die langhalsigen Flaschen, allein weil ihre Form breiter ist. An ihr geht so schnell nichts vorbei. Nicht wenn es ehrlich ist. Wahrhaftig und rein bis in die ersten Schritte und das Toilettengeräusch.

Da draußen läuten die Kirchenglocken. Sie sind das Zeichen, dass die Nacht vorbei ist.