„Ich kann Clarissa schon verstehen“ sage ich trotz all dieser Erschöpfung, in der ich die Kissen unter meinem Kopf nicht spüre. Meine Schwester ist ein Sauger.

„Ich nicht“, meint Ilona. Sie hat den Arm unter ihr Kopfkissen geschoben und ein Bein angewinkelt. Ihr Rücken ist sehr grade. Durch das Licht hinter dem Vorhang wirken ihre Bluse sehr weiß und ihre Muttermale sehr dunkel. „Die macht das nur für deine Mutter.“

„Damit sie ihre Ruhe hat.“

„Das ist aber nicht die Methode.“

Ich weiß ja, dass es stimmt. Aber ich glaube, Clarissa hat keine andere Chance.

Ilona seufzt weil ich schweige. Die Atmosphäre spricht.

Ich sehe sie nicht an, aber ich versuche an ihren Körper zu denken. Sie hat keine Gebärmutter und das gefiel mir damals sofort, ich liebe die Narbe wegen der sue damals überlebt hat. Wir kannten uns da noch nicht. Es ist mindestens ein Menschenleben her.

Ilona weiß, sie hätte für diese Kinder gelebt. Ich weiß, dass sie weiß, dass meine Schwester es nicht tun wird.

Es hat nur niemand gesagt.


Von heute Nacht kurz vor oder nach zwölf. Irgendwie schade, dass es so abgebrochen ist.

„Du kannst mir doch nicht erzählen, dass sieben Tage lang bei euch die gleiche Platte spielt und die sich extra dafür einen Plattenspieler zugelegt hat.“

„Doch!“

„Und die hat einhundertdreißig Euro für die Platte geboten… Sind da Safranstaubkussspuren drauf?“

„Von Gene Pitney persönlich geerntet wahrscheinlich, mich nervt das Ding einfach nur an, jedenfalls ist das ihr Irisreinkarnationslied.“

„Marc Almond hat auch mal eine Version davon aufgenommen…“

„Ja, die hört sie aber nicht!“

„Und Iris ist ihre…“

„Jugendliebe. Es gab also in Marias Leben noch etwas anderes als Rumge… und Knospenkollisionskurs.“

„Dann können wir den Witz mit der Sandra-Platte wohl einpacken…“

„J-Argh, schon wieder…ICH KANN ES NICHT MEHR HÖREN!“


 

Ein Telefongespräch für die Kooperation zwischen Christiane und Texttaub (ludwighzeidler).

Something’s Gotten Hold Of My Heart kennen Sie?! Kann als Hinweis auf das Alter von Maria, die hier als Mutter gemeint sein könnte, verstanden werden.

Wer von euch zweien hat den Mondpfirsich gegessen? – Keiner! Keine! Also der Nachtpfirsich war’s wirklich nicht, der ist was andres, sag mal, kann’s der überhaupt… Ja, kann der?! Draußen lärmen die Kinder. Aber der Pfirsichmond im Quarkstraßensystem… Na, der Mondpfirsich eben! Ja, doch! Verdorri nochmal. Also, der… – Ist weg. Aber sicher. Der Mondpfirsich aus dem Quarkstraßensystem ist entlaufen und keiner hat ihn gesehen, also müsst ihr zwei –Keiner! Keine! Ding Ding. Ja, was denn nun schon wieder? Das darf doch wohl nicht wahr sein. Hat der Mensch da noch Worte?! Der Mondpfirsich aus dem Quarkstraßensystem. Und jetzt hat der Raspelplanet also kei- Ich glaub, dass es mir träumt, gibt es denn sowas auch. In… wer weiß noch?! Kommt, lasst uns den Pfirsich suchen!

Anne Bude inne Kreuzkirch war imma wat los, schon seit Sulkowski Blag gewesen war. Da war’s töfte, egal ob der Fußball schlecht lief, die Politiker Scheiße bauten, die Stadt die Straßen verrotten ließ oder Günni um 11 schon so voll war, datt er statt Du, Wolfram Duschvorhang zum Herrn über den Bier- und Spirituosenbestand und die Süßigkeiten und Comics sagte.

Seit 47 Jahren tobte anne Bude dat Leben, hier war der Pott, dat hier is dat echte Weltkulturerbe.

Nur heute nich, alle am Schweigen.

„Wat‘n hier los? Leichenschmaus?“

Keine Antwort für Minuten.

Da kam die Chefin umme Ecke, an einer Hand die Rotzige, in der anderen fünf Tüten vom China-Imbiss.

„Ah“, sagte Sulkowski, „Frühlingsgefühle, ich verstehe.“

Die Leute hatten Kohldampf.


Bestimmt sprachlich und sachlich nicht ganz korrekt für die abc.etüden.

Auch wenn es nach warmer Milch riecht, Maike weiß, dass es ein Leichenschmaus ist, ein Requiem für all diese Pseudo-Frühlingsgefühle, die noch gewollter gewesen sind in ihrem Leben als all diese Ich mag…s aus der Jugendzeit. Als Kind hatte sie sowieso keiner gefragt.

Das zu wissen, diesen jahrelangen Selbstbeschiss, dieses plötzliche Erkennen war so wie wenn beim Duschen plötzlich von außen der Duschvorhang aufgerissen wurde. Scham, an die sie sich immer noch nicht gewöhnt hat. Am Ärgsten weil sie weiß, das irgendwo unter dem Haufen Scheiße sie selbst ist.

Sie ist nicht der Haufen Scheiße an sich. Auch wenn das leichter zu glauben ist. Bequemer, denn wenn sie damit aufhört, weiß sie, kann sie sich nicht mehr einreden, dass der Oger da auf dem Sofa nicht mehr ihre Mutter ist.

Es war so geborgen gewesen als Kind, wenn Anita ihr als Dank fürs Vertuschen warme Milch gemacht hatte.

Der Satz „Gehst mir als ein Fläschchen einholen?“ war damals eine Belohnung gewesen.


Für die abc.etüden.

Es gab ja nichts, aber du tust so als hätten wir das Geheimnis der Mauer gekannt. Jetzt denkst du schon wieder an den Osten, aber wir meinen den Stein, der in der im Hof lose war. Die Toiletten waren im Flur, das konnte auch ein noch so schönes Vorderhaus nicht wettmachen. Was wussten wir denn was die Kinder taten während wir weit weg in der Schule waren, dass sich hinter dem Stein in der Mauer wahre Schätze verborgen hielten. Wir waren beim Öffnen doch nie dabei,

Wie kalter Rauch an einem Schwarztuchmorgen. Die Müdigkeit weg, aber das Wachsein noch nicht da, Zwischenzeiten zwischen Lamellen, zwischen der Straße und v/Vögeln. Auf dem Tisch die Gläser von gestern Abend, auf dem Boden die vergegessene Aluminiumtüte. Nicht herauf treten, nicht an die Wände oder auf den Wecker sehen. Nicht gehen und nicht bleiben, weder wissen noch neiden, nur abwarten. Guten Tag, leiden kann man noch später!

Die Ironie des Schicksals wünschte sich, dass Barbara immer erst HINTER der Tür umdrehen und wieder gehen wollte, nie schon auf dem Parkplatz. Erst dann kam die Angst, hatte sie doch früher, als sie es noch nicht anders kannte anderen, fast fremden Leuten arglos private Dinge über sich erzählt, sich bei harmlosen Fragen aber über den Eingriff in ihre Privatsphäre mokiert. Es war besser gewesen, dass niemand wusste, dass die Lieblingsfarbe der echten Barbara beige und nicht pink war, oder dass sie lieber Fußball spielte als guckte.

Auf den Treppenstufen, hier und jetzt, sagte sie sich, dass die hier doch noch nicht mal wussten, dass sie Barbara hieß. Sie hatte ALINA gesagt, weil so viele Mädchen in ihrer Schule geheißen hatten. Mindestens eine Frau machte das genau so, hier hieß sie Martina und in Wirklichkeit Bettina, das hatte Barbara erst gemerkt als die aus Versehen ihren richtigen Namen über ihre Telefonnummer für den Notfall geschrieben hatte.

Genau die stand jetzt oben vor dem Raum und winkte KOMM!

Drinnen stöpselte eine andere einen Wasserkocher ein und sagte, dass die Kaffeemaschine den Geist aufgegeben hatte, auf dem Tisch standen schon Pulverdosen.

Da musste Barbara lachen: „Als mein Papa nüchtern wurde hatten wir alles voll mit dem Zeug, Cappuccino, Milchkaffee, Kakao… Er hat das nie gemocht, aber auf einmal hatte er voll Bock drauf!“


Für die abc.etüden.

Auf den Treppenstufen nach unten sitzen die Abgehalfterten. Oder nach oben, gen Himmel ist eine Kirche, was letztendlich dasselbe ist, wichtig ist die sitzen hier in der Öffentlichkeit unserer schönen, sauberen Stadt. Und keine Razzia, keine Verhaftungen schaffen es sie weg zu machen. Dabei war man doch so gnädig, die haben einen Raum für sich selbst, nur das Komm! hat man von der City nach außerhalb verlegt, innen hat es schon genug Neon und bunte Lichter. Es braucht nicht noch Blaulicht und rotes. Früher gab es für die sogar Streetwork, jetzt müssen die halt mal ein paar Schritte zu Fuß gehen. Für ihren Stoff rennen die auch den ganzen Tag umher. Im Komm! können sie sogar schlafen und duschen, draußen müssen sie also wirklich nicht sein hier in unserer schönen sauberen Stadt. Das ruiniert nur meinen Wahlkampf. Da, die mit dem Prostituierten-Make-Up hat sogar einen Milchkaffee!


Wahlprogramm keiner speziellen Partei-inspiriert für textstaubs abc.etüden, die seit dieser Woche in Kooperation mit Christiane kuratiert werden. Christiane würde sich sehr über neue Teilnehmer freuen. Wird auch ganz bestimmt durch Rückmeldung honoriert, kostet nichts und macht Spaß. Der Ablauf steht im verlinkten Artikel.

Eine Nachtzugfahrt weckt Illusionen von Hopper mit seiner Einsamkeit in Abteilen und Zimmern, Bars und Straßen. Beruhigend muss es sein in der Müdigkeit einzusacken und unter dem Geratter des Kolosses wegzudämmern. Aber man weiß, dass es nicht so ist. In Wirklichkeit wacht man gerädert auf. (Trotzdem: Mit Instantkaffee und Creamer hinein in den Sonnenaufgang wäre einen Wunsch schon wert.) Jene Nachtzugfahrt wie von Hopper lässt auch kurz Gedanken an Herrndorf aufkommen. Als Maler fast völlig vergessen, bekannt eigentlich nur geworden weil die Ursache für seinen Text so ausgeschlachtet wurde. Kannte man ihn eigentlich vorher? Und kann man das ernsthaft Talent nennen oder liegt es nur daran, dass er in einem in der Vorstellung anderer Leute unerträglichen (für sie noch mehr als ihn selber) Zustand den Entschluss gefasst hatte weiter zu arbeiten? Ein Schwein, das man durchs Dorf trieb, letztendlich. Aber die Bilder waren gut. Zurück bei Hopper kommt der Gedanke gelesen zu haben, bis zum Schluss hätte er Einkäufe selbst durch das Stiegenhaus in das Appartment getragen.

Ach, der Müll muss auch noch runter!