So war das nun also: Nutte, Schlampe, undankbar und das Allerletzte, dem die Gosse gewünscht wurde.

Weil Leonie gesagt hatte, sie machte den Terz mit ihrer Mutter nicht mehr mit.

Sie erfand keine Entschuldigungen mehr, sie räumte nichts mehr weg und sie ließ sich nicht mehr vollheulen.

Die Frau in der Beratungsstelle hatte ihr gesagt, so etwas war Selbstfürsorge und Achtsamkeit, ihre Freundinnen fanden sie Dreck. Es war schließlich ihre Mutter und die hatte Leonie neun Monate lang getragen und für das Kind ihr Aussehen aufgegeben. Sie könne sich jetzt nicht einfach verwurschteln, sie müsse auch etwas zurück geben.

Leonie sah auf ihre Pizza, die Tomatensauce hatte den Feta rosa gefärbt. Feta und Spinat, ihre Lieblingspizza – rosa-grün, so wie Annerose und Maibaum.

Es war als lachten da Stimmen in ihrem Kopf.

Das konnte doch jetzt nicht- haltet, doch alle die Fresse!


Von heute Morgen für die Etüden basierend auf den tatsächlichen Erfahrungen einer jungen Frau mit ihrem weitestgehend weiblichen Freundeskreis als sie mitteilte nicht länger die Suchterkrankung ihrer Mutter unterstützen zu wollen.

Advertisements

Auf der einen Seite das Kühlhaus, auf der anderen die Milchtanks, riesig wie Raketen. Dazwischen die große Kreuzung, man kann schon die Sparkasse sehen, aber was wäre ein Kinderleben ohne Achtsamkeit? Ohne Aufmerksamkeit für Kettcars und Hüpfbälle, Rollschuhe und Skateboards, nur die Räder hat man doch noch als Erwachsener. Dann, wenn das Eingesperrtwerden im Kühlhaus keine Bedrohung mehr, dafür aber die Milchtanks ein Mittel zum Leben und keine Selbstverständlichkeit mehr bedeuten, viel später dazu noch die Keksfabrik. Hatte nicht Quelle auch dort mal ein Lager? Bevor im Gebäude daneben das Sozialamt einzog und der Kinderschutzbund in das Museumsgebäude mit dem Bienenstich in der Nähe der großen Teppichrotationsmaschine und der Zoohandlung mit dem handgemalten Schild. Viel mehr zum Überleben braucht es doch wahrlich nicht.

„Nein“, Sandra erinnerte sich noch genau wie empört ihre Mutter damals bei Karstadt in Hamburg vor dem Regal gestanden hatte, erst leise, dann lauter: „Ich sage dir, Dieter, nein!“

„Warum denn nicht, wenn sie doch will“, ihr Vater hatte sich von ihrer Mutter zu Sandra gedreht, „ich finde den auch gut, Sandra, komm den nehmen wir.“

Sandras Mutter hatte über die Schulranzen im Regal geschaut: „Der sieht unmöglich aus!“ Sie hatte sich in einen anderen verliebt und wollte ihn deshalb Sandra einreden, aber der gefiel grün mit Tieren nicht.

„Guck mal ganz genau hin, Elke, da ist auch grün drin“, Sandras Vater hatte den, den Sandra wollte aus dem Regal gehoben, „das Etikett hier, braucht gar nicht so viel Achtsamkeit!“

Wie sie bei ihrer Cousine Nina aus dem Süden am Kaffeetisch zwischen rosa-grünen Platzdeckchen sitzt muss Sandra in sich hinein grinsen.

Nina hebt die Augenbrauen.

„Ich muss gerade an meinen ersten Schulranzen denken, meine Eltern zofften sich wegen rosa-grün, ich wollte von Scout den Konfetti haben.“

Nina hebt die Brauen noch mal. „Ich hatte auch einmal einen Scout, wollte ich so gerne als Andenken behalten, aber du kennst ja Petra, die muss alles verwurschteln…“

 


 

Für die abc-Etüden. Beim Scout „Konfetti“ handelt es sich um ein Schulranzen-Modell in Pinktönen mit bunten Sternen, das von ungefähr 1990-1992 auf dem Markt war. Mindestens einer wurde tatsächlich bei Karstadt in Hamburg erworben, den habe ich vor Kurzem erst für seine 1984 geborene Besitzerin restauriert. Das Mädchen mit der gelben Jacke im Werbespot hält einen und ziemlich am Anfang steht einer auf dem Boden.

Leopold fragt Mutter ob Cassini ein Trabant war.

Leos Mutter interessiert sich nicht für Weltraum, sie hat keine Ahnung von Cassini und ein Trabant ist für sie ein Auto, das cool bei den Hipstern aussieht, in deren Künstler-WG sie so gerne Mitglied (ohne Glied, das ist ja klar) wäre.

Leopold fragt Mutter ob da, wo Cassini jetzt ist immer noch Himmel ist. Uropa Klaus sagt immer, die Toten kommen in den Himmel und wenn Cassini jetzt kaputt und wie tot ist, kann Uroma Moni jetzt vielleicht schöne Planetenbilder von ihrer Wolke aus gucken. Im Himmel kreist Cassini bestimmt auch um einen Planeten, Uroma Moni spielt da ja auch Klavier. Sagt jedenfalls Oma Stefanie.

Leos Mutter ist nicht alternativ-gebildet genug für die Künstler-WG (man braucht ja heute überall einen Namen und muss unter dreißig sein, sonst ist man kein Influencer oder Creative Head). Und ihr Leo hat nur dieses Grissini-Teil im Kopf, das er mit Gordon (wo sind die Unterhaltszahlungen für die letzten acht Wochen, Flachwichser?) zusammen im Internet angesehen hat. Was daran faszinierend sein soll geht Leos Mutter vollkommen ab. Die Bilder könnte jedes Programm besser (ein Gutes natürlich!) und wenn sie eins hätte, dann könnte sie damit vielleicht sogar die Wohnung im Kreativenviertel finanzie-

Leopold wünscht sich, dass Mutter ihm antwortet. Wenn sie der Weltraum nicht interessiert, dann eben Tiere. Hunde und Katzen mag sie ja.

Leopold fragt Mutter wo Erdmännchen leben. Die findet er süß, auf der Geburtstagskarte, die Oma Stefanie seinem Vater geschrieben hat ist eins drauf.

„Auf der Erde, so wie du. Wie kommst du denn jetzt darauf?“

Es macht nichts, dass ich die Worte nie gesagt habe, außer Aline und mich fremd so bald wir in einem Raum sind. Mein Gefühl sagt mir, dass es zu Ende ist, mein Verstand sagt mir, dass das nicht stimmt. Aline weiß, dass es nicht wir sind. Es sind die anderen. Diese anderen Blicke und diese anderen Worte, das Kopfschütteln und ihr begleitendes Zischen. Ich weiß, dass es nicht an uns liegt. Es ist so schwer das auch zu glauben.

„Beratungsstelle für alternative Lebensweisen!“ Aline wirft die Arme in die Luft. „Das sind genauso Frauen wie wir, aber ich bin Fetischistin weil du dich nicht bewegen kannst! Ich will wissen wie ich mich gegen die Häme und das Gerotze wehren kann und die erzählen mir was von Fetischismus und Krankenhauserotik!“

Ich bin froh, dass sie schreit. In den letzten Wochen hat sie geweint. Manchmal wache ich auf und das Laken neben ihrem Kopf ist nass, weil ihr Zorn anders nicht wohin weiß.

Über den Krankenhauserotikwitz können wir nicht mehr lachen. Eben weil er so billig ist in seiner Implikation von dem, was wir nicht zu tun haben.

„Hast du einen Kaffee für mich?“

Ich zeige auf die Maschine. Es ist ermüdend.

Zwischen dem letzten Brief von Paula an Louise liegt ein Kinderleben. Eine ganze Welt aus Brummkreiseln und Schulweg, Trauma und Schauma. Paula weiß nicht mehr wie lange das her ist weil in der Zwischenzeit auch ein Erwachsenenleben zu Ende gegangen ist, aber Louise kann sich das nicht vorstellen.

Sie versucht es weiter obwohl weder Anschriften, Nummern noch Emailkonten bis jetzt aktiv sind. Unzähliges kam zurück. Sieben Jahre lang. Gab es in Paulas Land nicht dieses Lied mit den sieben Brücken? Oder war das eine Stadt, so wie Saarlouis?

Bei den Damen, die mit ihren Möpsen auf der Allee hausieren gehen, kann einen die Übelkeit überkommen.

Nicht angesichts der Hunde – auf die anderen Möpse kann man denen gar nicht schauen, gespritzter als die vollumfänglich behandeltste Orange – und noch nicht einmal aufgrund des Habitus und des Etepete und Marke Dies und Das.

Nein, aufgrund der Sprache.

Soll sie süß oder hip oder distinguiert sein, das weiß man nicht, aber man riecht, dass sie eine Leere füllen soll, so wie die intendiert-schlechte Verwandlung solcher Gestalten durch das Nervengift.

Die zahlen viel Geld um sich vergiften zu lassen und nennen das Schönheit oder Auf sich achten.Fragt sich nur, durch wessen Beichtstuhl diese Definition zu Stande gekommen ist.

Aber wir waren bei der Sprache, dem Verräterischten von allen. Möpse und Klein-Hunde sind wie Schwangerenbäuche – all das nennen sie Knutschkugel.

Ein seltendämliches und peinliches Wort, das mehr verrät als denen lieb ist.

Erzwungene Ewigkeit, ein durchschaubares Spiel!

Ist man nicht gerade Spieler, so kann einen bei den Damen, die mit ihren Möpsen auf der Allee hausieren gehen tatsächlich die Übelkeit überkommen.

 


 

Für die Etüden. Ich habe mit der erzählenden Person gemein, dass mir Worte wie die Vorgabe „Knutschkugel“ körperliche Beschwerden bereiten.

„Aha, aha, aha… der Johannes also.“

„Dann ist bei denen wohl doch nicht a- Psst, die Leute reden!“

Der Johannes soll eine Liebelei mit einer Käuflichen haben, so einer aus dem Striptease-Lokal, pfui deibel, dass der da überhaupt hingeht.

Dabei ist das doch so ein netter Mann mit Geld, Frau und Kindern, so ein lieber Kerl und guter Vater.

„Psst!“

Immer die schüchternen, die, denen man es nicht ansieht. Man würde doch im Traum nicht… und dann auch noch in dieser Frequenz und…

Wie, wenn es ihn doch erleichtert?!

Ah, da schau her, da kommt die Resi, ganz geknickt kommt sie daher mit ihrem Heiligenschein!

„Also, ich, wenn ich die Resi wäre, ich würde den Molch verla- psst!“


Für die Etüden.

Die im Café hat mit schöner Frequenz immer denselben Blick. Esther weiß, dass er ihr gilt, aber nicht warum, das tut er immer. Die Frau ist öfter hier und wenn Esther sie bemerkt, tut sie immer das gleiche.

Die Zeiten, in denen Esther sich sagt, dass sie sich nicht daran stören darf oder Frequently UNasked Questions denkt sind vorbei, Esther ist bei der Form von Reife in ihrem Kopf angelangt, in der sie weiß, dass Frauen wie die im Café einfach damit zu leben haben, dass es Menschen wie Esther gibt, und dass es keinen Heiligenschein bedeutet wenn man Menschen wie Esther gegenüber die Grundformen von Anstand zeigt.

Dazu gehört sie nicht anzustarren.

Esther ist kein Affe im Zirkus oder ein Pandabär im Zoo, Esther ist ein Mensch.

Esther ist ein weiblicher Mensch.

Esther ist eine Frau.

In dem Moment, in dem Esther beschließt die schöne Frequenz zu stören und einfach zurück zu starren fällt es ihr auf – da stimmt was mit dem Arm nicht, kann nicht stimmen, denn da auf dem Tisch steht ein To-Go-Pappbecher mit Plastikdeckel und Strohhalm.

Schuppen fallen, Esther ist gleichzeitig erleichtert und beschämt.


 

Für die ab heute wieder stattfindenden abc-Etüden bei Christiane.

Spielen Sie gerne mit! Neueinsteiger sind immer willkommen, Regeln stehen hinter dem Link.

 

 

Manchmal dachte Elina noch an die Flaschenpost. Das war damals, zu Schokokeks-Zeiten, ihr Versuch gewesen. Eine Chance zu reden, mit irgendwem, niemanden, der sie kannte oder antworten würde, aber Depression ist nicht einfach Trübsalblasen und Elina war kurz vor dem Punkt gewesen an dem aus Ich kann nicht mehr ICH WILL NICHT MEHR geworden wäre, da spielte das auch keine Rolle mehr. Sie hätte auch in irgendeinen Raum geschrien. Einfach geschrien und geredet, vielleicht hätte der Hall ihr das Gefühl vermittelt, dass sie noch da ist.

Es war auch zu Zeiten der Sonnenblumenmargarine, die sie versucht hatte ihrer Mutter, diesem lethargischem, passiv-aggressivem Stück unterzujubeln, damit wenigstens eine Reaktion käme. Das war das Problem: Bei anderen hieß keine Reaktion Es ist okay, bei Elinas Mutter Du musst ja wieder Probleme machen. Sie erzählte auch rum, das wäre alles nur eine Phase und sagte Jahre später, auch wenn Elina in Beziehungen war, noch Vielleicht findest du in … den Mann deines Lebens.

Elina war nicht mehr zwanzig, aber der Hass brodelte wie früher, die Wut eigentlich, Hass hätte sie wenigstens blind gemacht. Wut führte nur zu Explosionen.

Adina nannte diesen Zustand Pompeij und zeitweise war das genau das, was Elina brauchte. Diese passive Aggressivität ihrer Mutter war irgendwann ausgebrochen und hatte etwas für immer bleibend überschwemmt. Elina kannte Bilder von dem Ort Pompeij und wenn sie beide Begrifflichkeiten in ihrem Kopf zusammenbrachte, dann sah sie über beidem davon eine Schicht Zement oder Pflaster.

Hatte sie nicht die Nachricht in der Flasche damals mit einem Heftpflaster zusammen geklebt, weil sie kein Gummiband gefunden hatte? Das Bild erschien ihr logisch, aber sie wusste es nicht mehr. Es spielte auch keine Rolle, was wusste sie denn schon ob die Flasche je gefunden worden war?! Es war das Pflaster auf ihrem Mund gewesen. So oder so.


Von heute Morgen für Christianes Etüden-Pausenspiel.